Ungewohnte Umgebungen

Erzieherstreik: Täglich neue Feinjustierung

+

Offenbach - Der Streik der Erzieherinnen bedeutet nicht nur für berufstätige Eltern enormen organisatorischen Aufwand. Von Jenny Bieniek 

Auch der städtische Eigenbetrieb EKO und das verbliebene Kita-Personal jonglieren seit Montag täglich aufs Neue mit Kinder- und Mitarbeiterzahlen, um den Bedarf so gut es geht zu decken. Simone Genglawski sitzt im Leitungsbüro der Kita 5 und wertet Listen aus. Die Kinder, die nebenan spielen, toben oder frühstücken, kennt sie nicht, ebenso wenig das pädagogische Konzept der Einrichtung. Auch unter den Erzieherinnen sind ihr einige Gesichter fremd. Trotzdem hat Genglawski seit Montag die Aufgabe, den Betreuungsbedarf in der Kita 5 mit den vorhandenen Notfallkapazitäten bestmöglich auszutarieren. „Das Administrative ist im Prinzip gleich, aber die fremde Kita macht’s nicht leichter“, sagt sie. Eigentlich leitet Genglawski seit mehr als sechs Jahren die Kita 18 an der Bismarckstraße. Weil diese streikbedingt geschlossen ist, hat sie seit Montag in der Kita am Sana-Klinikum das Ruder übernommen.

Lesen Sie dazu auch:

Eltern suchen Hilfe wegen Kita-Streik

Um den Alltag so gut wie möglich über die Bühne zu bringen, ist Genglawski auf die wenigen Stammkolleginnen angewiesen. Sie wissen, wo welches Material zu finden ist, welche Abläufe zum Alltag gehören. Dass fremdes Personal die Regie über eine Einrichtung übernimmt, ist während des Streiks eher Regel als Ausnahme. Laut Verdi haben am Montag in Offenbach 208 Erzieher gestreikt. Stadtweit besteht derzeit nur in acht der 26 Kitas Notbetreuung. Bezogen auf die Gesamtsituation ist die Lage in Offenbach aber (noch) gut. Von den 715 zur Verfügung stehenden Notplätzen sind laut EKO-Leiter Hermann Dorenburg am Montag nur 380 in Anspruch genommen worden. In einzelnen Tagesstätten aber herrschten dieser Tage durchaus Engpässe – vor allem in der Kita 5, wo der Bedarf nicht zuletzt wegen der großen Zahl von Sana-Mitarbeitern unter der Elternschaft nicht abebbt.

„Zu Beginn haben wir die Notplätze stadtweit fair verteilt, nun wird nachgesteuert“, erklärt EKO-Leiter Hermann Dorenburg das Prozedere. Dort, wo die Zahl der vorhandenen Plätze die der Notfälle übersteigt, werde Personal abgezogen und in anderen Kitas eingesetzt, damit die dringendsten Fälle versorgt seien. Der aktuelle Notdienstplan des EKO sieht eine „Wellenregelung“ vor. Um möglichst viele Eltern zumindest phasenweise zu entlasten, vergibt die Stadt die Notplätze jeweils nur für drei Tage. Priorität haben berufstätige Alleinerziehende und Elternpaare. Die nächste Welle startet am Freitag. Generell bedeute der Streik für die verbliebenen Erzieherinnen zwar weniger Kinder, aber mehr Stress, weil ihre Schützlinge aus mehreren Einrichtungen zusammengewürfelt seien, erinnert Dorenburg. Und trotzdem: „Unter den Eltern herrscht nach wie vor großes Verständnis“, betont Kita-Leiterin Simone Genglawski, auch wenn viele Kinder in anderen Einrichtungen unterkommen müssten. „Bei Hort- und Kindergartenkindern klappt das ganz gut, aber bei den Kleinkindern ist das schon etwas problematisch“, weiß sie.

Unbefristeter Kita-Streik hat begonnen

Erzieherin Franziska kann davon ein Lied singen. Sie erlebt ihren Arbeitsalltag dieser Tage als „sehr anstrengend“. Vor allem die Kleinsten, Krippenkinder unter drei Jahren, reagierten unruhig auf Abweichungen vom gewohnten Tagesablauf und weinten öfter. „Wenn sie morgens in eine fremde Kita gebracht werden und kein bekanntes Gesicht sehen, ist das schwierig.“ Weil sich die Zahl der Notdienstplätze nach der Stärke des verfügbaren Personals richtet, sind Überstunden während des Streiks grundsätzlich nicht nötig. „Aber vor allem die Kleinen brauchen ihre Bezugsperson. Da kann ich nicht einfach einen Schichtwechsel einplanen“, zeigt Genglawski die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis auf. Später gleicht sie mit dem EKO Listen ab und erstellt einen Dienstplan für den nächsten Tag. Nach und nach sollen dann auch die Nachrückerlisten abgearbeitet werden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare