Räuber kehrt als Kunde zurück

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Tatort Tankstelle: Ein bewaffneter Räuber überfiel am vergangenen Mittwoch die Zapfstation an der Bieberer Straße. Der Kassierer erkannte den Täter, der wenig später zwar festgenommen, aber dann wieder frei gelassen wurde. Vier Tage später tauchte er dort als Kunde wieder auf.

Offenbach ‐ Überfall auf eine Tankstelle. Beute: rund 500 Euro, keine Verletzten. Der mutmaßliche Täter wird kurz nach der Tat gefasst und nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wieder auf freien Fuß gesetzt. Von Matthias Dahmer

Meldungen wie diese gehören in einer Großstadt zum Alltag von Polizei und Journalisten. Sie werden von beiden Seiten routinemäßig abgearbeitet. Selten ist Zeit oder Gelegenheit, auf Hintergründe und Folgen zu blicken. Anders bei einem Fall, der sich vor wenigen Tagen in Offenbach ereignet hat und dessen Bewertung durch die Beteiligten je nach Grad der Betroffenheit von „rechtlich richtig“ über „unbefriedigend“ bis „skandalös“ reicht.

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Die Geschichte von vorne: Am Abend des 17. März gegen 23.40 Uhr betritt der 35 Jahre alte Alexander N. den Verkaufsraum der Jet-Tankstelle an der Bieberer Straße. Er ist Stammkunde dort, versorgt sich regelmäßig mit Hochprozentigem. An dem Abend ist er für die Nachtschicht nicht sofort zu erkennen. Der schwer drogensüchtige Deutsch-Russe hat sich mit Mütze und Schal maskiert und fordert den Angestellten auf, ihm die Tageseinnahmen herauszugeben. Der Student an der Kasse, Anfang 20, glaubt zunächst an einen schlechten Scherz und nimmt die Sache nicht ernst. Bis ihm Alexander N. eine silberne Pistole an die Schläfe hält und die Waffe demonstrativ durchlädt. Mit den Bargeld-Beständen verlässt der Täter den Verkaufsraum und flüchtet zu Fuß.

Es ist kein weiter Weg, den Alexander N. zurücklegt. Nur bis zum in der Nähe liegenden Männerwohnheim, wo er seit einigen Monaten lebt. Die Herberge wurde ihm von den städtischen Sozialbehörden zugewiesen.

Der Kassierer und der Tankstellen-Pächter Yilmaz Yurdakul informieren die Polizei und geben den Hinweis auf das Wohnheim. Mehr als 20 Einsatzkräfte durchkämmen kurz vor 1 Uhr die Einrichtung in der Bieberer Straße und werden im Zimmer von N. fündig: Sie stellen einen geringen Teil der Beute, 20 Euro, und Kleidung sicher, die N. laut Aussage des Angestellten beim Überfall trug. Der Hausmeister entdeckt die Tatwaffe im Hausmüll. Der vermutliche Täter wird dem Tankstellen-Kassierer gegenübergestellt. Er identifiziert ihn als den Mann, der ihn kurz zuvor überfallen hat.

Staatsanwältin sieht keinen „dringenden Tatverdacht“

Alexander N. hat 16 Vorstrafen. Diebstähle, Körperverletzungen, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz - die ganze Skala eines süchtigen Kleinkriminellen eben. Weil er „kein unbeschriebenes Blatt“ ist, wie es später im Polizeibericht heißen wird, und ein bewaffneter Raubüberfall eine andere Qualität hat als die bisherigen Delikte, gehen die Polizeibeamten davon aus, dass N. einem Richter vorgeführt wird, der darüber entscheidet, ob der 35-Jährige in Untersuchungshaft wandert.

Doch so weit kommt es nicht. Schon die diensthabende Staatsanwältin sieht keinen „dringenden Tatverdacht“ und lässt N. wieder frei. Begründung: Weil er maskiert war, könne der Tankstellen-Angestellte ihn nicht zweifelsfrei identifizieren, die bei N. gefundenen 20 Euro stammten nicht zwingend aus dem Raub und die im Zimmer gefundenen Kleidungsstücke seien gängige Ware, die von vielen Leuten getragen werde.

Vier Tage nach dem Überfall spaziert Alexander N. tagsüber erneut in die Tankstelle und will dort Bier kaufen. „Vermutlich von dem erbeuteten Bargeld“, sagt der Pächter. Der angestellte Student, der sich nach dem Raubüberfall extra in die Tagschicht hat versetzen lassen, und an der Kasse steht, erleidet einen Schock. „Er hat als Aushilfskraft mehrere Jahre zuverlässig gearbeitet. Jetzt schafft er das nicht mehr. Er fühlt sich ungeschützt und verfolgt, und er hat Angst“, so Yurdakul.

Bedauerndes Schulterzucken bei der Polizei

Alfred Huber kann das Verstehen. Der Chef des Weissen Rings in Offenbach hat mehrere derartige Fälle im Jahr. Obwohl der Kassierer beim Überfall körperlich unversehrt geblieben ist, sei die seelische Verletzung nicht zu unterschätzen. Bei Bedarf kümmern sich das Trauma- und Opferzentrum in Frankfurt oder die Hanauer Hilfe um Betroffene, sagt der Mann von der Opferhilfe. Mitunter führe das Erlittene bis zur Berufsunfähigkeit, weshalb solche Straftaten als Berufsunfall gemeldet werden sollten.

Bei der Polizei erntet man auf die Frage nach dem Warum ein bedauerndes Schulterzucken und den Verweis auf die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft.

Dort herrscht grundsätzliches Verständnis für die Situation des Pächters und seines Angestellten, wie ein Sprecher mitteilt. Doch für seine Kollegin habe sich zunächst kein dringender Tatverdacht ergeben, der eine richterliche Vorführung gerechtfertigt hätte. „Sollten nun weitere Beweise hinzukommen, liegt in dem Fall ein Haftbefehl nahe“, sagt der Staatsanwalt.

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