„So bunt wie Offenbach“

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Binnen weniger Stunden werden alle Lebensmittel vergeben sein.

Offenbach - Die Zeit zwischen zwei Mittwochen kann ganz schön lang sein. Wenn man beim Lebensmittel-Einkauf im Discounter jeden Cent mehrmals umdrehen muss. Auf vieles verzichtet, weil das Geld nicht reicht. Sich gerade so ernährt, bis man halbwegs satt ist. Von Veronika Szeherova

Dann ist es endlich wieder soweit: Lisbeth-Korb! Die Einkaufstüten werden prall gefüllt – für nur einen Euro.

Ein Szenario, das Roswitha Auth und ihrem Sohn Boris De Tora-Auth vertraut ist. Die Rentnerin lebt am Existenzminimum. Ihr 29-jähriger Sohn, gelernter Straßenbauer, bezieht Hartz IV, seit er seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kann. Die Tafel Lisbeth-Korb besucht er seit fünf Jahren, gab den Tipp an seine Mutter weiter.

Jeden zweiten Mittwoch heißt es für die beiden: Zum Pfarrhaus St. Elisabeth gehen, Renten- und Hartz-IV-Bescheid vorzeigen, Nummern ziehen, einen Euro zahlen, warten, drankommen. Dann packen die Mitarbeiter die mitgebrachten Taschen voll mit Lebensmitteln, die von den Supermärkten aussortiert worden sind, weil sie kurz vor dem Verfallsdatum stehen. Immer Grundlegendes wie Brot, Milch, Nudeln oder Obst, manchmal ein bisschen mehr. „Ich frage immer nach Schokolade, letztes Mal gab es Schoko-Weihnachtsmänner“, erzählt De Tora-Auth lächelnd. „Ich bin nicht schnäubisch, nehme alles, was man kriegt“, sagt seine Mutter und betont: „Die Qualität ist immer gut.“

Auths sind nur zwei von 90 bis 100 regelmäßigen Abholern beim Lisbeth-Korb. „Rechnet man deren Familien hinzu, erreicht unser Angebot 280 bis 300 Menschen“, sagt Petra Woyciechowski. Seit genau zehn Jahren gibt es die eigenständig arbeitende Tafel der Gemeinde St. Elisabeth. 17 ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen alle zwei Wochen dafür, dass bedürftige Menschen, deren Einkommen die Grundsicherung nicht überschreitet, mit Lebensmitteln versorgt werden.

Finanzkrise machte sich auch bei der Tafel bemerkbar

Diese sind Spenden vom Lebensmitteleinzelhandel, einer Großbäckerei, Privatleuten und einigen Kirchengemeinden in Offenbach. Woyciechowski ist von Beginn an dabei. „In den Anfangszeiten kamen 30 bis 40 Kunden. Dann pendelte es sich lange bei 70 bis 80 Leuten ein.“

Die Finanzkrise machte sich auch bei der Tafel bemerkbar: „Eine Zeitlang kamen 100 bis 120 Leute, da sind wir an unsere Grenzen gestoßen. Die Lebenssituation ist für viele Menschen in den vergangenen Jahren schwieriger geworden.“ Alle Altersgruppen sind vertreten, „von schwanger bis über 80“, und viele Nationalitäten. „So bunt wie Offenbach“, sagt Woyciechowski.

Petra Woyciechowski (links unten) und die anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter des Lisbeth-Korbs kurz vor dem großen Ansturm.

An den Tafel-Tagen ist von den Helfern voller Körpereinsatz gefordert. Ob Brot abholen, Gemüse fahren oder Nahrungsmittel ausgeben – „es ist ein zentnerweises Hin- und Herschleppen“. Doch auch mental sind sie gefordert. Für viele Bedürftige sind sie zugleich Ansprechpartner, denen sie ihre Sorgen und Nöte mitteilen. „Für viele ist es eine große Überwindung, herzukommen, dadurch machen sie ihre Lage sozusagen öffentlich“, erklärt Woyciechowski. Es sei nicht so, dass diese Menschen nicht arbeiten wollten: „Viele bemühen sich, hoffen, dass aus dem Ein-Euro-Job eine Festanstellung wird, werden enttäuscht. Wir beobachten ständig, wie Hoffnung stirbt.“

Auch deshalb komme es immer wieder zu Spannungen zwischen den Abholern. „Man guckt schon, wer was in der Tüte hat.“ Manchmal gebe es Unmut wegen der Reihenfolge. „Seit wir das Losverfahren eingeführt haben, ist es besser“, berichtet die 52-Jährige. „Wir versuchen unser Möglichstes, um fair zu sein.“ Der Lohn ist Dankbarkeit, etwa in Form von „selbst gemachten internationalen Köstlichkeiten, neulich Kekse aus Marokko“.

Spenden: Katholisches Pfarramt St. Elisabeth, Kto.-Nr. 9009671, BLZ 505 500 20

Woyciechowski erinnert sich gern an einen Kunden, der eine Arbeitsstelle bekam und extra gekommen ist, um sich zu verabschieden. Solche Dinge treiben sie und ihre Kollegen an: „Es ist eine sinnvolle, notwendige Aufgabe. Wir sind in der guten Lage, solche Einrichtungen nicht in Anspruch nehmen zu müssen. So können wir etwas zurückgeben.“

Dankgottesdienst zum zehnjährigen Bestehen des Lisbeth-Korbs ist heute um 18 Uhr in St. Elisabeth (Richard-Wagner-Straße 73). Es folgt ein Empfang im Pfarrzentrum mit den Spendern und ehrenamtlichen Helfern.

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