Zahl in vier Jahren explodiert

Kein Platz mehr an der Offenbacher Tafel

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Die Stadt Offenbach weiß das Engagement der Tafel zu würdigen: 2010 gab es den Dr. Kallab-Sozialpreis der Stadtverordnetenversammlung. Jetzt besuchte der Ehrenamtsbeauftragte Reinhard Knecht (rechts) das Team um Leiterin Christine Sparr (links) in der Zweigstelle Neusalzer Straße.

Offenbach - Die Zahl der Menschen, die sich bei der Offenbacher Tafel mit Essen versorgen, ist in den vergangenen vier Jahren explodiert. Waren es 2010 noch 220 Haushalte, sind es in diesem Jahr bereits 600, die sich mit gespendeten Lebensmitteln versorgen. Von Sarah Neder 

Jede Woche lassen sich zwischen 10 und 20 neue Familien bei den Zweigstellen an der Krafftstraße und der Neusalzer Straße registrieren. Erfahrungsgemäß steigt die Zahl der Bedürftigen im Winter noch einmal. Der Bedarf ist inzwischen so groß, dass der Ableger des Frankfurter Vereins an die Grenzen seiner Kapazitäten stößt. Aber nicht etwa, weil dem ehrenamtlichen Helferteam um Christine Sparr von Supermarktketten nicht genügend ausrangiertes, aber einwandfreies Essen überlassen würde: Es fehlt schlicht der Platz, an dem die Waren gelagert werden können, bis sie benötigt werden.

Die Leiterin zieht deshalb die Notbremse, muss einen einen Aufnahmestopp verhängen. „Wenn absolute Notfälle kommen, Familien mit hungrigen Kindern etwa, kriegen die natürlich was zu essen“, schränkt Christine Sparr ein. Andere müsse sie vorerst abweisen. Die immense Nachfrage erklärt sie mit dem steigenden Bekanntheitsgrad der Tafel. „Außerdem haben sich vor ein paar Jahren nur wenige getraut, die Hilfe in Anspruch zu nehmen“, erinnert sie sich. Inzwischen seien bei vielen die Hemmungen gewichen, manche nutzten die Tafel sogar als sozialen Treffpunkt. Auf Hinweise von Lehrern kümmert sich die Tafel auch verstärkt um Kinder, die ohne Frühstück zur Schule kommen. Das kommt immer häufiger vor.

Das zunehmende Klientel stimmt die Ehrenamtliche nachdenklich. Zum einen sei es gut, dass Bedürftige das karitative Angebot wahrnähmen. Zum anderen zeige die Entwicklung große gesellschaftliche Missstände auf, so die Leiterin. Um mehr Menschen versorgen zu können, sucht die Hilfseinrichtung also händeringend größere Räume, um dort Lebenmittel unterbringen zu können. „Letztens musste ich zwei Paletten Nudeln ausschlagen, weil ich nicht wusste, wo ich sie unterbringen sollte“, trauert die Tafelchefin verlorener Ware hinterher: „Mit einem 40 bis 50 Quadratmeter großen Lager könnten wir viel effizienter arbeiten.“ Im Moment deponieren die Helfer die Nahrungsmittel, die Supermärkte und Geschäfte aus der Region zur Verfügung stellen, in ihren Kellern oder Garagen. „Oft muss ich die Lebensmittel verteilen, weil ich keinen Platz habe, um sie aufzuheben, mit einem Lager könnte ich auch mal haltbare Dinge wie Konserven länger aufbewahren“, sagt Sparr.

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Auch für die Vorbereitung des alljährlichen Weihnachtsmarkts am Mathildenplatz fehlt Stauraum. Denn die Offenbacher Tafel beschert zu diesem Anlass rund 500 Kinder, die Weihnachten sonst ohne Geschenke erleben müssten. Schon jetzt weiß die Tafelleiterin nicht wohin mit Puppen und Modellautos. Aber nicht nur die räumliche, auch die finanzielle Situation bereitet Sparr große Sorgen. So braucht der Kühlbus, mit dem die Tafel Lebensmittel transportiert, dringend eine Reparatur, die 8000 Euro kostet. Und auch der Treibstoff für den „Kältebus“, der im Winter Obdachlose verpflegt, muss bezahlt werden. Zwar hat Christine Sparr seit 2006, dem Gründungsjahr der Offenbacher Tafel, viele Spender gewinnen können. Jedoch springen immer wieder welche ab. So habe ein bisheriger Sponsor seine zukünftige Hilfe verweigert, weil er sich daran störte, dass Sparr und ihr Team Lebensmittel auch an Rumänen verteilen. „Was soll man dazu noch sagen?“, fragt sich die freiwillige Helferin schockiert: „Für mich zählt: Mensch ist Mensch, egal woher er kommt.“

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