„Tag des Handwerks“ in Offenbach

„Immer wird etwas kaputtgehen“

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Weil ich ein Mädchen bin: Natürlich sind Frauen im klassischen Männerhandwerk um kein Deut schlechter. Bei Prüfungen schneiden sie in der Regel sogar besser ab.

Offenbach - Der US-Soziologe Jeremy Rifkin prophezeit einen volkswirtschaftlichen Umbruch. Die Kosten für Energie und eine Vielzahl von Dienstleistungen würden fast gegen Null sinken, entsprechende Geschäftsmodelle und Berufe verschwinden. Von Stefan Mangold

Auf die Frage, wer in der digitalisierten Welt die defekte Wasserleitung repariert, weiß Rifkin aber keine schlüssige Lösung in seinem Modell. „Es sind nicht die komplexen, sondern die einfachen Arbeiten, die Probleme machen“, konstatiert der Berater der EU-Kommission. Was Wolfgang Laber, der Gas- und Wasserinstallateurmeister aus Seligenstadt, am Stand der Innung für Sanitär- und Heizungstechnik für die Praxis übersetzt: „Immer wird etwas kaputtgehen. “ Verstopft das Abflussrohr, wankt jede Zivilisation.

Wer bestimmte Handwerksberufe erlernt, kann sich also ziemlich sicher sein, dass seine Kenntnisse nicht irgendwann obsolet werden. „Trotzdem haben Eltern oft Bedenken, wenn es um die Frage einer Lehre geht“, sagte Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel an diesem Samstag beim „Tag des Handwerks 2014“ im Haus der Kreishandwerkerschaft an der Offenbacher Markwaldstraße. Kramwinkel spricht von 600 unbesetzten Lehrstellen im Rhein-Main-Gebiet.

Der Fokus der Bildungsdiskussion liege auf gymnasialen Themen wie G 8 oder G 9, nimmt die Erste Kreisbeigeordnete Claudia Jäger das Thema auf, „die Uni-Hörsäle sind voll“. Eine Kooperationsvereinbarung, wie sie Uwe Czupalla, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, an diesem Tag mit Paul Moosmann, Konrektor der Offenbacher Ernst-Reuter-Schule, unterschreibt, soll entgegen steuern.

Die beinhaltet etwa: Schüler der 9. Klasse des Hauptschulzweiges verbringen wöchentlich einen Tag im Betrieb. Die Jugendlichen trainieren mit Meistern Bewerbungsgespräche, legen Anschreiben und Lebensläufe vor. Uwe Czupalla hofft auch auf Studienabbrecher, „im Handwerk gibt es viele Entwicklungschancen“. Dem stimmt Bürgermeister Peter Schneider zu.

Einem wie dem Seligenstädter Installateurmeister Wolfgang Laber ist es letztendlich egal, welchen Schulabschluss jemand vorlegt. Die Katze im Sack will der Betriebsinhaber sowieso nicht kaufen. Potenzielle Gas- und Wasserinstallateure übernimmt er nur nach einem Praktikum. „Lieber ein motivierter Hauptschüler als ein lustloser Abiturient.“

Das Bäckerhandwerk gilt wenigen als Traumberuf, weiß Rudi Bär, Obermeister der Bäckerinnung Untermain, „viele kommen aus Not zu uns“. Es herrsche jedoch ein völlig falsches Berufsbild vom Bäcker. Sicher müssten die Gesellen um zwei oder drei Uhr nachts aufstehen. Um zehn oder elf gingen sie dafür aber nach Hause. Die Arbeitswoche dauere nicht länger als 40 Stunden an fünf Tagen.

Bär konkretisiert für sein Metier, wie Entwicklungschancen aussehen. Es fehlten Führungskräfte auf der mittleren Ebene, Leiter von Backstuben oder solche, die in Filialen nach dem rechten sehen, „nach denen suchen wir“.

Am Stand der Metaller hämmern zwei junge Frauen mit Geschick. Am Ende entstehen Rosen. „Natürlich sind Mädchen für klassisches Männerhandwerk geeignet“, beobachtet Helmut Geyer, der frühere Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, „mit den Händen sind sie mindestens genauso gut. Prüfungen packen sie besser.“

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