Tagegeld abgezweigt

Offenbach ‐ Rückblickend sagt Sina L., es sei eine „dämliche Idee“ gewesen. Von September 2003 bis April 2007, leitete die damalige Sachbearbeiterin der DBV Winterthur an der Berliner Straße mittels fingierter Auszahlungen Geld auf eigene Konten. Von Matthias Dahmer

Schaden: 483 000 Euro. Die 31-Jährige muss sich dafür gestern vor dem Offenbacher Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Manfred Beck wegen Untreue verantworten. Ehemann Thomas L. und Halbbruder Christian K. sitzen wegen Beihilfe mit ihr auf der Anklagebank. 183 Fälle wirft ihnen Staatsanwalt Alexander Homm vor. Sina L. räumt die ihr zur Last gelegten Taten von Anfang an ein, versucht dabei, Gatten und Bruder zu entlasten. Obwohl ein großer Teil des Geldes über Konten der beiden geflossen ist, hätten sie nichts von ihren kriminellen Taten gewusst, beteuert sie.

Die seinerzeit laschen Kontrollmechanismen des mittlerweile zum Axa-Konzern gehörenderen Versicherers haben es der zierlichen und eloquent wirkenden Frau leicht gemacht: Zuständig für die Auszahlung von Krankentagegeld verfügt sie über Beträge von bis zu 8.000 Euro. In Tranchen, die nie über diesem Limit liegen, fertigt Sina L. Überweisungen an Versicherte, deren Verträge zwar schon gekündigt, die aber noch nicht aus dem Computersystem gelöscht sind und trägt dabei die Nummer eines ihrer Konten ein. Weil die so erstellten Bescheide systembedingt nochmals auf dem Tisch der Angeklagten landen, wird zwar das Geld überwiesen, die Belege dafür gehen aber niemals raus. Das Risiko, erwischt zu werden, ist überschaubar. Hausinterne Prüfungen gibt’s nach dem Zufallsprinzip. Von 600 bis 700 Abrechnungen pro Sachbearbeiter und Monat werden um die 50 unter die Lupe genommen.

Schon vorher gab es bei der Versicherung Trickser

Sina L. ist nicht die erste, die bei dem Versicherer den Verlockungen erliegt. Vor ihr fliegen zwei Mitarbeiter, darunter ein Abteilungsleiter auf, die auf ähnliche Weise tricksen. Eine im Zuge dieser Betrügereien gebildete Arbeitsgruppe, berichtet gestern ein als Zeuge geladener Axa-Mann, schaute dann genauer hin und stieß auf die 31-Jährige. „Wir haben das Kontrollsystem mittlerweile geändert“, sagt er.

Weil ihr die direkten Überweisungen auf eigene Konten auf Dauer zu heiß werden, spannt Sina L. Verwandte und Bekannte für die Transaktionen ein. So müssen die Bankverbindungen von Mutter, Mann und Halbbruder, später von einer befreundeten Kosmetikerin herhalten. Teils leiten die das Geld an Sina L. weiter, teils übergeben sie es ihr in bar, manchmal dürfen sie kleinere Beträge davon behalten. Und jedem tischt die Angeklagte eine andere Geschichte auf, woher die Beträge stammen und wozu sie gebraucht werden: Mal sind es Provisionen, mal Aktiengewinne, mal einfach nur Geld, von dem ihr Mann nichts erfahren soll.

Urteil wird für Donnerstag erwartet

Dem Ehemann und dem Halbbruder nehmen die Ermittlungsbehörden die Unwissenheit nicht ab, weshalb auch sie angeklagt werden. Der Halbbruder, der sich als Musiker und Hilfsarbeiter durchschlägt, räumt ein, dass ihm das alles nach einiger Zeit doch merkwürdig vorkam, er das Geld - insgesamt 40.000 Euro - aber gut habe gebrauchen können. Dafür erhält er ein Jahr auf Bewährung und 150 Arbeitsstunden aufgebrummt.

Weil noch unklar ist, wie viel Sina L. und ihr Mann zur Wiedergutmachung des Schadens schon zurückgezahlt haben, wird das Urteil gegen sie am Donnerstag gesprochen.

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