„Demokratie nicht vorhanden“

Offenbacher zu den Anti-Regierungs-Protesten in der Türkei

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Offenbach - Die Türkei befindet sich im Ausnahmezustand ; die Protestbewegung gegen die Regierung bewegt viele Menschen – auch in Offenbach. Stellen die Türken doch mit 6620 Einwohnern den höchsten Anteil der ausländischen Bevölkerung in der Stadt dar. Von Veronika Szeherova und Sonja Achenbach

Die Redaktion sprach mit türkischstämmigen Offenbachern über ihre Meinung zu den Ereignissen.

„Ich unterstütze die Proteste“, sagt Ali Karakale, Migrationsberater bei der AWO. Die türkische Regierung habe die Meinungsfreiheit und die Individualrechte eingeschränkt – bis in die persönlichsten Bereiche: „Man will Frauen vorschreiben, wie viele Kinder sie bekommen dürfen.“ Er frage sich, wie das zu bezahlen sei. Auch über das neue Alkoholgesetz kann er nur den Kopf schütteln. „Als ich in der Türkei war, habe ich selbst erlebt, wie unsinnig das ist. Die Menschen würden sowieso niemals in einer Moschee trinken.“ Klare Worte findet er für Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. „Ich bin kein Fan von ihm. Ich bin für Säkularität.“

Wie Karakale verfolgt Erol Cavus, Geschäftsführer der gleichnamigen Offenbacher Bäckerei, die Geschehnisse in deutschen und türkischen Medien. Er verstehe die Beweggründe der Protestler, die sich von der Regierung eingeengt fühlten, finde aber, dass der Konflikt „von der Straße weg“ gehört. Deshalb ist er erleichtert, dass wieder Gespräche geführt werden sollen. „Die Parteien sollten dafür sorgen, dass die Proteste aufhören und keine Menschenleben mehr bedroht werden.“ Cavus ist besorgt, dass sich die Ausschreitungen ansonsten ähnlich in Urlaubsregionen entfachen könnten. „Es sind erst zwei Wochen, und schon ist die Situation so eskaliert. Wenn die Leute dort keinen Urlaub mehr machen, ist es nicht gut für das Land.“

Hülya Selcuk (Bündnis 90/Grüne)

Ebenfalls besorgt wegen der zunehmenden Gewalt zeigt sich der Gastronom und Fördervereins-Vorsitzende der Buchhügelschule, Mustafa Köksel. „Am Anfang war es wunderbar. Aber jetzt gibt es viele Gruppen, die Schaden anrichten.“ Dass protestiert werde, sei aber richtig und wichtig. „Erdogan benimmt sich wie ein Kaiser. Er steckt überall seine Nase rein. Die Bevölkerung merkt, dass er sich von der Demokratie abwendet, und wehrt sich gegen die Islamisierung.“ Der Polizeieinsatz wie in einem Kriegsgebiet zeige, dass die Türkei sich trotz wirtschaftlichen Aufschwungs noch nicht den erwünschten demokratischen Verhältnissen angepasst habe. „Aber durch Gewalt ist nichts zu erreichen“, ist sich Köksel sicher.

Das findet auch Hülya Selcuk, Mitglied des Fraktionsvorstands der Grünen und Schulsozialarbeiterin. Sie sieht die Bundesregierung gefordert: „Die sollte Erdogan klar machen, dass die Wahrnehmung von Bürgerrechten nicht mit Gewalt durch die Polizei beantwortet werden kann.“ Ihrer Überzeugung nach handelt es sich bei ihm gar „um einen Diktator, der Schuld daran trägt, dass eine Demokratie in der Türkei nicht mehr vorhanden ist“.

Suat Türker, ehemaliger Profifußballer der Kickers, gibt zu, die Geschehnisse wegen seiner Sorgen um die Kickers nicht ganz so intensiv zu verfolgen. „Die Meinungen bei den Menschen sind sehr geteilt“, sagt er. „Viele wollen europäisch leben und freien Willen haben, die Gläubigen haben aber Angst, dass der Glaube vergessen wird.“ Gut sei, dass anscheinend wieder Gesprächsbereitschaft da sei. „Ich hoffe, dass alle Beteiligten zur Vernunft kommen, damit sich Lösungen finden und wieder Ruhe und Frieden einkehrt. Ein Aufruhr ist das Schlechteste, das passieren kann.“ Türker verweist darauf, dass Erdogan auch Gutes geleistet habe, beispielsweise für die Infrastruktur des Landes.

Dass Erdogan viele Verdienste habe, macht auch der Stadtverordnete Mahmut Yigit vom Forum Neues Offenbach deutlich. „Er hat für die Entwicklung und das Zusammenleben in der Türkei so viel bewirkt wie kein Ministerpräsident vorher.“ Die weltwirtschaftliche Stellung habe sich zum Positiven verändert. „Allerdings kann es nicht sein, dass die Politik unter anderem vorschreibt, wann welche Lebensmittel zu verkaufen, zu konsumieren sind. Man sollte den Lebensstil nicht einschränken. In dieser Hinsicht ist Erdogan von der Spur abgekommen“, so Yigit. Er könne aber nicht verstehen, warum die Protestler Autos anzünden und Geschäfte zerstören. „Damit ruinieren sie Existenzen. Die Polizei muss die restliche Bevölkerung schützen.“

Mehmet Harmanci ist Mitglied der Grünen und sitzt im Ausländerbeirat. Er forderte Erdogans Minister bereits vor Tagen auf, auf ihren Regierungschef einzuwirken, damit ein ähnlicher Dialog zustande kommen kann, wie er gestern angekündigt wurde. „Erdogan hat Angst, sein Gesicht zu verlieren. Ich bin aber der Überzeugung, dass er das gar nicht muss.“ Klar ist für den Politiker, dass es so nicht weitergehen kann: „Bei der ständigen Eskalation gewinnt niemand.“

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