Im „Tal der Aussätzigen“

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Die nächste Leerfahrt: Die Geschäfte für den Karussell-Betreiber auf dem Hugenottenplatz laufen sehr mäßig. Ähnlich ergeht es den benachbarten Standbesitzern.

Offenbach ‐ Etliche Händler auf dem Weihnachtsmarkt haben eine einigermaßen optimistische Bilanz gezogen. Doch dies ist augenscheinlich nur die halbe Wahrheit. Die Beschicker der Stände auf dem Hugenottenplatz haben da eine ganz andere Meinung. Von Jörn Polzin

Sie fühlen sich benachteiligt und ausgegrenzt, klagen über zu wenig Kundschaft und leere Kassen: „Hier ist absolut tote Hose“, fasst Peter Otto zusammen. Runde für Runde dreht sein Karussell – eine Leerfahrt nach der anderen. „Ich habe täglich Betriebskosten von über 200 Euro, die hole ich bestimmt nicht mehr rein.“ Auf etwa 80 Prozent schätzt er seine Einbußen im Vergleich zu jenen Jahren, in denen er auf dem Aliceplatz stehen durfte: „Wir sind hier halt nur Außenseiter.“

Im „Tal der Aussätzigen“, wie er den Standort bezeichnet, hat er zahlreiche Schwachpunkte festgestellt, etwa die unzureichende Beleuchtung. Zudem habe es der Veranstalter versäumt, mehr Werbung für den Standort zu machen. „Es weiß ja kaum jemand, dass der Markt nicht nur aus dem Aliceplatz und dem Stadthof besteht“, sagt Otto.

Der Markt der SG Rosenhöhe:

Weihnachtsmarkt der SG Rosenhöhe

Symptomatisch aus seiner Sicht war der 6. Dezember, als der von den Organisatoren bestellte Nikolaus dem Hugenottenplatz fern blieb. „Von dem versprochenen kleinen Weihnachtsdorf ist jedenfalls nicht viel zu sehen“, sagt Otto.

Auch an den anderen Ständen regiert der Frust. Anna Schramm, die kandierte Früchte anbietet, spricht von „einer Katastrophe.“ Früher sei man trotz abgeschiedener Lage im Rundlauf integriert gewesen. „Heute ist hier nichts mehr los, aber die Standkosten sind gleichgeblieben“, sagt Schramm. Platzgeld, Strom, hohe Wareneinkaufspreise: „Da bleibt nicht viel übrig.“

Gefrustet ist auch Glühweinverkäuferin Brigitte Stein. Sie bringen nicht nur die deutlich reduzierten Einnahmen zur Weißglut. Die Verbannung ihres Standes vom Alice- auf den Hugenottenplatz empfindet sie als Retourkutsche seitens des Veranstalters Pro-OF. „Ich fühle mich ins Abseits gedrängt und in meinen Rechten nicht ernst genommen. Wir werden geschnitten“, klagt Stein.

Der Markt in Bieber:

Weihnachtsmarkt in Bieber

Hinter dem Leid, das sie klagt, steckt eine viel beachtetete Historie: Vorm Weihnachtsmarkt 2004 kam es zum Streit um den Standplatz von „Gittes Grillhütte“, die Familie Stein an Dominik Weingärtner verkauft hatte. Der pochte auf einen guten Standplatz, der ihm beim Erwerb zugesichert worden sei. Die Pro-OF-Geschäftsführer bestritten, mit Weingärtner eine mündliche Vereinbarung getroffen zu heben und gaben Konkurrenz den Zuschlag. Es folgte, was unsere Zeitung als „Bratwurstkrieg“ bekannt machte.

„Wir haben damals im Prozess für Herrn Weingärtner ausgesagt. Die Pro OF musste eine hohe Entschädigung zahlen und will sich jetzt an uns rächen“, mutmaßt Stein. Die offizielle Begründung, wonach die Steins für den Aufbau der Weihnachtspyramide und die Aufwertung des Einkaufszentrums KOMM weichen muss, hält sie für vorgeschoben. „Wenn etwas belebt werden müsste, ist es doch der Weihnachtsmarkt.“

Die Frage nach dem Wie ist für Roswitha Elly vom Stand „Café Lavazza“ längst beantwortet. Ihren Lösungsvorschlag teilen viele Leidensgenossen: „Wir müssen enger zusammenrücken, dann könnte jeder auf dem Hauptplatz unterkommen.“ Falls nicht realisierbar, könnte sich Brigitte Stein eine Rotation der Stände vorstellen: „Das wäre dann fair für alle.“

Der Markt in Bürgel:

Weihnachtsmarkt in Bürgel

Ein Vorschlag, der zum Thema werden könnte, wie Veranstalter Klaus Kohlweyer in Aussicht stellt: „Voraussetzung dafür ist, dass wir uns mit allen Händlern und dem zuständigen Stadtrat Paul-Gerhard Weiß zusammensetzen und darüber bestimmen.“ Kohlweyer äußert allerdings bereits Zweifel ob der Umsetzbarkeit. „Die benötigten Plätze sind unterschiedlich groß, die Rotation würde nicht bei allen Ständen funktionieren.“

Ein Zusammenrücken schließt er aus Platzgründen aus. Im Gegenteil: Kohlweyer ließ durchblicken, dass sich die Größe des Marktes verringern könnte - zu Lasten einiger Beschicker. Da wäre der nächste Konflikt sicher programmiert.

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