Tankwarts schlechter Traum

+
Drei Schrauber, die jeder Tankwart hasst: KfZ-Fachlehrer Martin Röth-Bohrer, Student Simon Stock und Projektleiter Sven Pfaff (von links).

Frankfurt ‐ 1000 Kilometer ist ziemlich genau die Entfernung von Rostock nach Basel oder von Frankfurt nach Budapest oder von Garmisch-Partenkirchen nach Flensburg. So weit kommt „Step II“, das Energiespar-Wunderfahrzeug des „samba speed team eco projekts“ der Gewerblich-technischen Schulen in Offenbach (GTS), mit einem Liter Super-Benzin. Von Michael Eschenauer

Bewiesen haben diese Unglaublichkeit die Schüler um den KfZ-Fachlehrer und technischen Projektleiter Martin Röth-Bohrer vor wenigen Wochen: Sie ließen beim 27. „Shell Eco-Marathon“ auf dem Euro-Speedway in der Lausitz in der Disziplin „Verbrennungsmotoren“ die Konkurrenz aus Deutschland hinter sich und wurden Deutscher Meister. International reichte es für die jungen Männer und Frauen aus Offenbach immerhin für Platz 18 unter insgesamt 120 Teilnehmern.

Jetzt sind Ferien an der GTS. Doch in der Schul-Werkstatt brennen trotzdem fast täglich die Neonröhren. Röth-Bohrer und Gesamtprojektleiter Sven Pfaff müssen das neue Schuljahr vorbereiten, und die Sprit-Knauserer legen ein neues Seminar auf. Ziel: Verbesserung der Motoraufhängung, weitere Senkung des Treibstoffverbrauchs und eine leichtere Lenkung.

„Da geht noch was. Das ist doch Kindergarten. Nochmal 1000 Kilometer drauf!“, gibt Röth-Bohrer die Richtung vor. Selbst wenn die jungen Männer und Frauen das schaffen, liegt die Latte des Weltrekords hoch: 3688 Kilometer schaffte das Team der französischen Universität La Joliverie aus Saint-Sébastien-sur-Loire, das beim jüngsten Shell-Wettbewerb auf den ersten Platz gekommen ist.

Den Weltrekord im Guiness-Buch der Rekorde hält die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich mit 5380 Kilometer pro Liter Sprit. Die Schweizer benutzten eine Brennstoffzelle mit Wasserstoff als Energielieferant. Um die Vergleichbarkeit herzustellen, wird der Energiewert jeweils umgerechnet.

Ursprünglich sollte es eine Motorsense werden

Der Offenbacher Alptraum aller Tankwarte ist ein 1,5 PS starker Viertakter von Honda. Durch einen selbst konstruierten Kolben konnte das Verdichtungsverhältnis von 8,0 : 1 auf 10,5 : 1 erhöht werden. Das senkt den Spritverbrauch. Ursprünglich sollte das Maschinchen mal eine Motorsense werden. Das sind jene Dinger, bei denen rotierende Schnüre das Unkraut wegfetzen. Jetzt nutzt es der Menschheit als Energiespar-Fahrzeug.

So klein und schon ein Tank. Seinen treibstoff bekommt „Step II“, der Energiespar-Prototyp der Gewerblich-technischen-Schulen in Offenbach, über eine Pipette.

Der Motor mit seinen 35 Kubikzentimetern Hubraum bezieht seine Power aus einem 30 Milliliter fassenden Mini-Tank. „Während des Rennens wird der Motor nur für Sekunden angeschaltet, dann lassen wir den Wagen rollen“, berichtet GTS-Student Simon Stock. Dabei muss vorher exakt berechnet werden, wie hoch das Tempo sein darf, um möglichst wenig Kraftstoff durch den Vergaser zu blasen. „Wenn man zu schnell fährt, geht der Verbrauch hoch, wenn man zu langsam fährt, um wenig zu verbrauchen, wird man disqualifiziert. Da reicht schon eine Sekunde, und man ist draußen.“ Der 2,90 Meter lange und 50 Zentimeter hohe „Step II“ bewältigte in der Lausitz die vom Veranstalter vorgegebene Distanz von 25,4 Kilometern innerhalb des Zeitlimits von 51 Minuten. Der Verbrauch wurde hochgerechnet. So kamen die 1000 - oder um exakt zu sein 995 - Kilometer zustande, „Während dieser 51 Minuten ist der Motor ganze 80 Sekunden gelaufen“, berichtet Röth-Bohrer. Der Rest war Rollen auf drei superschmalen, schlauchlosen Reifen von Michelin mit 5 Bar Druck und einer Wandstärke von 0,2 Millimetern. Die Lauflager sind aus jeweils 600 Euro teuren Metall-Keramik-Lagern. Auf Schmierung wird verzichtet, wegen des Bremseffekts. Klar, dass der nur sporadisch gestartete Motor während der Fahrt nie warm wird. „Deshalb müssen wir ihn vorheizen.“

Drei Räder, 32 Kilo Gewicht, Karosserie: Carbonfaser, Strömungswiderstandswert: CW 0,07 (ein Golf hat 0,7, ein Pinguin 0,03), Lenkung mittels Joystick. „Die Motorsteuerung ist frei programmierbar, so dass wir Zündzeitpunkt, Einspritzzeit, Einspritzmenge und den Lambda-Wert exakt bestimmen können“, berichtet Pfaff. Als Fahrer der schwer zu manövrierenden Silberzigarre kommen nur zierliche Techniker-Studentinnen in Frage.

Lernen für die automobile Zukunft

„Beim Formel-I-Rennen zählt nur die Geschwindigkeit, bei uns nur der Spritverbrauch. Alles wird darauf hingetrimmt“, so Röth-Bohrer. „Auf diese Weise lernen wir für die automobile Zukunft.“ Ein Nebeneffekt sei, dass die Studenten kurz vor ihrem Abschluss und dem Wechsel ins Berufsleben noch einmal in Sachen Nachhaltigkeit und Energiesparen geimpft würden. So etwas wirke sich durchaus auf die künftigen Ingenieurgenerationen aus, sagt der Lehrer.

Tage- und nächtelang sind die Studenten in der Werkstatt der Berufsschule am Werkeln.

Und welche Tipps gibt der Konstrukteur den normalen Autofahrern und Autobauern? „Niedriges Gewicht und niedriger Luftwiderstand, schmale, energiesparende Reifen mit dem richtigen Druck - das ist schon mal das Wichtigste“, sagt KfZ-Fachlehrer Röth-Bohrer. Hinzu komme regelmäßige Wartung, hochwertiges Motoröl und eine vorausschauende Fahrweise, die zu hohes Tempo und zu starke Beschleunigungsphasen vermeide. „Viele gurken mit den letzten Schüsseln rum und wundern sich, warum die so viel schlucken“, sagt Pfaff. Halte man sich an diese Punkte, könne man leicht mindestens 15 Prozent Sprit sparen. „Die meisten, die beim Eco-Projekt mitmachen, fahren sowieso Fahrrad - aus Prinzip“, lächelt Simon Stock.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare