Im Tanz der Heimat nah

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Tanzlehrer Kapsalis von der Griechischen Gemeinde in Offenbach weiht seine Schützlinge in die Geheimnisse der Griechischen Tanzkunst ein.

Offenbach - Zusammen mit den Italienern gehörten die Griechen zu den ersten Gastarbeitern in Offenbach. Gyros und Ouzo dürften demnach auch die ersten ausländischen Spezialitäten am Main gewesen sein. Heute leben 3484 Griechen am Main. Wie viele Einwohner zwar einen deutschen Pass, aber griechische Wurzeln haben, lässt sich nicht statistisch erheben. Von Katharina Platt

Tatsächlich fühlen sich viele Deutsche mit griechischem Migrationshintergrund in zwei Ländern zu Hause und versuchen beide Kulturen zu verbinden.

Die Griechische Gemeinde, ein eingetragener Verein in der Speyerstraße 7, besteht seit gut 30 Jahren und bemüht sich, die griechische Kultur 2400 Kilometer vom Heimatland entfernt zu praktizieren und an folgende Generationen weiterzugeben. „Damit man weiß, woher man kommt“, sagt Stamatia Zikou, Schriftführerin des Vereins. Sie selbst wurde in Deutschland geboren, verbrachte ihre Schulzeit jedoch in Griechenland, bevor sie mit 23 Jahren der Liebe wegen zurück nach Deutschland ging. Wie viele andere kamen ihre Eltern als Jugendliche nach Nürnberg, um zu arbeiten.

Die wirtschaftliche Situation im Heimatland war schlecht, und eine ganze Generation hoffte auf eine bessre Zukunft fernab des Mittelmeers. Seit der ersten Anwerbevereinbarung 1955 mit Italien lockten die Offenbacher Industriebetriebe im großen Stil ausländische Arbeitskräfte an. 1960 folgte eine Vereinbarung mit Griechenland. Zehn Jahre später hatten bereits 2 400 Griechen am Main ein neues Zuhause gefunden.

Stamatias Sohn kommt einmal in der Woche zum Tanzen in die Räume des Vereins. Zusammen mit gut 20 anderen Kindern zwischen sechs und neun Jahren schwingt er Beine und Hüften zu den Liedern seiner Vorfahren. Es sind klangvolle Melodien, die Deutsche wohl meist mit Souvlaki, Gyros und Ouzo verbinden. Aber Chasapiko, Chasaposervikos, Sirtaki und Syrtos, wie die traditionellen Tänze der Griechen heißen, wollen mehr sein als Bewegungsmuster zu fröhlicher Musik.

In der Antike glaubte man, Tanzen verbessere die körperliche und seelische Gesundheit. Auch heute macht Tanzlehrer Kapsalis mehr, als seinen Schützlingen Schrittfolgen beizubringen. Längst ist die Gemeinde Treffpunkt, zweite Familie und Verbindung zur Heimat geworden. Außer Tanzkursen bietet der Verein Computerkurse und Informationsveranstaltungen an. Außerdem werden gemeinsam Feste gefeiert und Bräuche gelebt.

Chrissoula Kopsasi ist in Offenbach geboren und spricht perfekt Deutsch. Dennoch sagt sie: „Ich bin griechisch-griechisch!“ Dabei findet sie selbst, dass sie sich in vielerlei Hinsicht wie eine Deutsche verhält: „Ich bringe meine Kinder pünktlich um 8 Uhr ins Bett - in Griechenland wäre 10 Uhr typischer.“ Dennoch sei sie tief in der griechischen Kultur verwurzelt, sagt sie. Dass Chrissoula auch in deutschen Vereinen aktiv ist und sich in ihrer Wahlheimat wohl und gut integriert fühlt, ändert nichts an der griechischen Identität. Vor fast 50 Jahren kamen ihre Eltern, als eine der ersten Gastarbeiter, ins kalte Deutschland. Sie arbeitet als Integrationslotsin in der Wilhelmschule und hilft Eltern ausländischer Schüler bei Übersetzungen und Formalitäten.

Kassenwartin Chrissoula Karadona ist mit der griechischen Kultur aufgewachsen, möchte aber auch ihre deutschen Eigenschaften nicht missen. Ihr Familie lebt bereits in der vierten Generation in Deutschland. Tochter Stavroula betreut mit anderen Jugendlichen des Vereins eine Gruppe Teenager. „Wir organisieren Partys, Ausflüge und Informationsveranstaltungen“, erzählt ihre Freundin Vassiliki. Die jungen Frauen sind glücklich über ihre Erfahrungen in der Gemeinde. „Die Begeisterung für die Gemeinschaft wollen wir weitergeben“, sagen sie.

Auch der junge Architekt Christos Labakis kennt dieses besondere Gefühl von Zusammenhalt. Er ist Ehrenmitglied der Tanzgruppe „Parthenon“. Für die jungen Griechen, die sich zum Tanzen treffen, bedeutet die Gruppe ein Stückchen Heimat. „Die Distanz zur Heimat kann so ein wenig kompensiert werden“, sagt Christos. Außerdem ist es dem 26-Jährigen wichtig, seine Kultur nach außen zu tragen. Trotz der Sehnsucht nach dem Heimatland der Vorfahren fühlt sich der ehemalige Rudolf-Koch-Schüler in Deutschland zuhause.

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