Da tanzen alle Puppen

+
Zwei ältere Herren sind Stammgäste der Muppet-Show und somit auch bei der Röchler-Show. Fred Stephan und Hans Maith schlüpfen in die Rolle von Statler und Waldorf.

Offenbach ‐  Im Saal ist es heiß wie in 'ner Sauna. Und (wie bei seinerzeit bei Udo Lindenberg) „sind auch wieder so ’n paar ganz scharfe Frau’n da.“ Von Martin Kuhn

Die Elfen, die traditionell nach der Sitzungspause den allmächtigen Ranzengarde-Elferrat ablösen, dürfen sich also geschmeichelt fühlen. Sie sind aber auch ein Hingucker, wie frisch vom Laufsteg: von der Miss Office bis zur Miss 1000 Volt. Oder liegt’s doch nur an der Lüftung im ehrwürdigen Bürgeler Pankratius-Saal? Stefan Quadt, Meister für Gas- und Wasserinstallation, lächelt milde: „Die war auf Umluft gestellt; das bringt nicht so viel.“ So gönnt sich mancher eine verdiente Verschnaufpause vor dem Narrenbau.

Im voll besetzten Saal setzt die Ranzengarde aufs bewährte Rezept. Mit Schautänzen, Protokoll, Vorträgen und Stimmungsliedern halten alle Akteure die Temperatur hoch – und hin und wieder gibt es einen schönen Aufguss. Nach dem Einzug des OKV (Küsschen, Orden) sind die Tänzerinnen der Fidelen Nassauer aus Heddernheim ein erster Hingucker. Das ist auch Markus Karger, der als Trude Herr mit einer Mischung aus Travestie und Comedy begeistert („Wenn man sich mit einem Busfahrer einlässt, sieht man halt mitgenommen aus...“), aber Sitzungspräsident Wolfgang Zühlke mit der richtigen Anrede „schwer durcheinander bringt“. Weniger Probleme hat er da mit zwei Eigengewächsen.

Männermangel beim Tanzsportverein

Als Gardetrommler und Marktfrau folgen Tobias Stephan und Dagmar Winter. Mit viel Wortwitz spießen sie teils nachdenklich, teils genüsslich auf, was so im vergangenen Jahr passiert ist – Fußball-WM oder Love Parade, Flughafenausbau („Die Landebahn führt über Tempelsee und Bieber, das ist uns Berjelern lieber“) oder Mittelaltermarkt („Der Günter, dieser Dolle, weiß auch nicht, was wir mache’ solle...“) Klasse! Da dürften sich die anwesenden Politiker, an der Spitze CDU-Sozialminister Stefan Grüttner und SPD-Oberbürgermeister Horst Schneider, etwas angeschmiert fühlen.

Seichter ist da der Auftritt der jungen Bürgeler Tanzsportler. Sie bedienen sich der Titel des Musicals Grease („Schmiere“). Gestylt von Gisela Schäfer und trainiert von Claudia Latzke sind flott unterwegs: Juliana Kreuzer, Chantale Pfannkuchen, Johanna Wiesner, Nathalie Laucht, Jacqueline Langosch, Mona Schröder, Madleen Reif, Marlene Treger, Mara Münch, Leonie Wörner, Arina Kobylin und Anna Cipriani. Allein die Jungs fehlen zur perfekten Liebesromanze im amerikanischen High-School-Milieu. Beim Tanzsportverein herrscht chronischer Männermangel. Zühlke wirbt daher: „Traut euch. Die nehmen auch mehrere...“

Bilder von der Sitzung

Sitzung der Ranzengarde

Derweil ist es um den eigenen Nachwuchs in der Bütt’ gut bestellt. Dafür stehen Franka und Marlene Mottscheller, die wieder respektlos allen den Spiegel vorhalten, sei’s die Bohlen-Industrie oder die Politiker-Kaste: „Stoppt den Volksvertreter, der im Gleichklang nur agiert, wir brauchen Typen hier im Lande, unbestechlich, visioniert. Sei es Habermann, sei’s Grüttner, Olli Stirböck, Al-Wazir, macht euch stark für unser Städtsche, kämpft mit offenem Visier.“ Starke Worte, denen fröhlich-beschwingte Rhythmen folgen: fürs Auge die Showtanzgruppe Dance Company TKK, entstanden aus einer Kinderturngruppe der Turnerschaft Klein-Krotzenburg, für die Ohren und die Stimmbänder Colonia Express mir rheinischen Fastnachtslieder. Pause. Lüften. Durchatmen.

Dann ein Kracher: Margot und Lisbeth (Claudia Weiß und Susanne Lind), die mit Witz und Charme durch Wirrungen und Irrungen des Alltags führen. Die beiden Hessinnen schicken sich an, die „Eier-Leines“ als „Steh-War-Dessen“ zu verstärken – am liebsten bei der „Lust-Hansa“, sozusagen als frohgelaunter Ersatz zu „all deene Machersüschtische“: Die müssen ja beim Entenfüttern aufpassen, dass die Tiere aus lauter Mitleid das Brot nicht zurückwerfen. Duffdä. Duffdä. Was die beiden auf dem Abort erleben, sei an dieser Stelle lieber verschwiegen. Aber der letzte Gastauftritt des Abends hat’s in sich. Echt!

Liebevoll-respektloses Finale

Das Herrenballett ist zwar personell ausgedünnt – Herbert Mahlow gibt bekanntlich den Offenbacher Fastnachtsprinzen, aber immer noch ein sehr präsenter Kracher. Bei Anja Fröhlich und einer Freundin leben die „Village People“ wieder auf. Über ein Stangen- und Gurt-System lässt das Duo vier Puppen tanzen – disco is in the house!

Jetzt aber Platz gemacht fürs ältere Semester. Uschi Steinbacher (alias Oma Lenchen, alias Helene Rump) wackelt auf die Bühne. Ja, tatsächlich, es ist wieder ein Jahr vorbei: „Ich seh’s an Ihne...“ Sie zieht fein durch den Kakao, worüber sich die Stadtoberen freuen – etwa so schöne Bezeichnungen wie Kreativ- oder Gründerstadt: „Gründe gibt’s ja genug – Abgründe...“ Und mit ihrem Kättsche ist sie unlängst später von der Käsmühl’ nach Hause gekommen: „Wir haben im Schlagloch übernachtet.“

Das Finale, wie immer liebevoll, vielleicht noch respektloser als sonst. Die Röchler-Schau in Anlehnung an die Muppets Muppets von Jim Henson und Frank Oz. Bekannte Melodien haben Andrea und Tobias Stephan, Mario Dorn und Dagmar Winter mit Texten versehen – etwa das allseits bekannte „Pippi Langstrumpf“, das weniger beschaulich daherkommt als die Abenteuer des neunjährigen Sommersprossen-Gesichts: „2 und 3 macht Fünf, wie soll man davon leben? Ich bekomm’ Hartz IV und ich kann gar nichts dafür. Ich hab’ kein Haus, kein Auto und kein’ Job, geh putzen mit nem Mob und ich bin doch gar net dumm im Kopp.“ Daumen hoch für röchlerhaftellste Show!

Kommentare