Die tapfere Schneiderin

+
Adriane Fecke an ihrer Privileg-Nähmaschine.

Offenbach - Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Das wusste schon Wilhelm Busch. Hätte Adriane Fecke gewusst, was los ist, hätte sich die Nachwuchsdesignerin nicht so einfach für den Tradewinds Style Award 2011 – den Talentwettbewerb für Modeschaffende – angemeldet. Von Mareike Palmy

Ihre Schwangerschaft bemerkte die Schülerin der Offenbacher Schule für Mode, Grafik und Design aber erst später. Dass sie trotzdem im Finale des diesjährigen Awards als eine der jüngsten Teilnehmerinnen steht, hat die junge Mutter, die mit Kind und Freund zurzeit in Bad Camberg wohnt, ganz allein ihrer eigenen Ausdauer zu verdanken.

Denn einfach waren die letzten Monate nicht, in denen sie ihr selbst entworfenes Kleid trotz Babygeschreis und Windelwechseln für den Designer-Wettbewerb fertig schneiderte. „Ich bin extrem müde. Mama sein kostet viel Kraft. Und die Zeit kurz vor dem Wettbewerb war nochmal richtig anstrengend. Aber ich werde von allen Seiten prima unterstützt“, sagt die frischgebackene Mutter.

Nicht einmal zwei Monate ist der kleine Noah jetzt alt. Er bestimmt den Tagesablauf von Adriane Fecke. Statt Stoffteile zu schneiden, Säume zu nähen und abzustecken, ist die junge Kreative nun mit dem Muttersein beschäftigt. „Ich habe noch eine Extraschicht eingelegt, damit das Kleid überhaupt rechtzeitig zum Abgabetermin fertig wird“, sagt sie.

Unter 200 Einsendungen das Rennen gemacht

Ein ganz normaler Schreibtisch musste als Schneidertisch herhalten, auf der Fensterbank reihen sich bunte Industriegarnrollen, Maßbänder, Scheren und anderes Schneiderwerkzeug. Eine große Privileg-Nähmaschine steht im Zimmer. Die hat Adriane von ihrer Oma geschenkt bekommen und immer fleißig damit geübt. Und das hat sich gelohnt: Ihr Wettbewerbsmodell, ein dunkelblaues Kleid im Balletttänzerinnen-Stil – aus Seide, Satin und Tüll, mit einer körperbetonenden Korsage, ist der Traum eines jeden Modefreaks. „Ganz unterschiedliche Dinge inspirieren mich. Mal ist es ein Fußgänger, mal ein Vogel. Mal erscheinen mir Kreationen auch im Traum“, so die junge Designerin. Und für die Kategorie „Traum“ hat sie das Kleid auch entworfen. Genauer gesagt „Sommernachtstraum“.

Unter dem Motto „Das Leben ist schön“ waren die jungen Couturiers aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgerufen, ihre Ideen zu Papier zu bringen. Bei mehr als 200 Einsendungen hat Adriane Fecke trotz Schwangerschaftsstrapazen mit ihrem Modell das Rennen gemacht.

Heute ist das große Finale in Frankfurt

Kein Wunder, schließlich hat die 20-Jährige, die zur Entspannung nebenbei kickboxt, bereits jahrelange Übung. „Seit ich zwölf bin zeichne und fertige ich die verschiedensten Kreationen. Mit dem Skizzieren hat alles angefangen. Dann wollte ich meine Entwürfe auch umsetzen. Ich mag kreatives Arbeiten. Mode ist meine große Leidenschaft. Wenn die Nähmaschine surrt, ist das ein schönes Gefühl“, sagt Adriane, deren kreatives Vorbild die englische Designerin Vivienne Westwood ist. Mittlerweile hat sie sich aber selbst zur Fashion-Expertin entwickelt: Stoffe und Schnittvarianten ausprobiert, Materialien gemixt und gelernt, ihre kreativen Ideen umzusetzen.

Heute Abend beim großen Finale in Frankfurt werden diese kreativen Ideen dann während einer Fashionshow präsentiert und die begehrten Awards vergeben. Insgesamt 60 Modelle kann man sich seit einigen Wochen auf den offiziellen Tradewinds Style Award-Seiten anschauen und eine Publikumswertung abgeben. Die drei Modelle mit der höchsten Zustimmung treten heute im Finale gegeneinander an. Die Gewinner können sich neben Ruhm und Ehre auch über Preisgelder freuen. Wer den ersten Platz erreicht, macht ein Praktikum bei der renommierten Designerin Anja Gockel.

Um 19 Uhr zeigt sich dann im BMW-Zentrum in der Hanauer Landstraße 255, wer mit seinem Modell ein gutes Gespür für Trends und Ideenreichtum hatte. Vielleicht erfüllt sich dann ja Adrianes „Sommernachtstraum“.

Kommentare