Taschen für Lokalpatrioten

Joachim Stoll zeigt eine Sammlung historischer und aktueller Koffer bei „Leder-Stoll“ in Frankfurt. Mit Ranzen, Rucksäcken und Kuriertaschen fühlt sich das Fachgeschäft heute gut aufgestellt.

Frankfurt/Offenbach ‐ Um das Jahr 1900 herum – so verrät es die Statistik der Industrie- und Handelskammer – gab es in Offenbach mehr als 1.300 Unternehmen, die Leder verarbeiteten. 100 Jahre später, zum „Millennium“, waren es noch 19. Von Jens Dörr

„Lassen Sie mich kurz nachdenken“, sagt Joachim Stoll und legt die Stirn kurz in Falten. „Ja, wir haben inzwischen gar keinen Offenbacher mehr dabei.“

Damit meint Stoll, Geschäftsführer von „Leder-Stoll“ in Frankfurt, sein Angebot, das sich vor allem am Hauptsitz in der Schäfergasse parallel zur Zeil befindet: Taschen, Koffer, Rucksäcke, Lederkleidung. Doch Produkte aus der Lederstadt Offenbach spielen in Stolls Sortiment keine Rolle. Das sieht auch nicht anders aus am zweiten Standort, den das traditionsreichen Fachgeschäft in „Mainhattan“ in der Leipziger Straße betreibt. Doch ganz so schlecht, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es um die Lederwaren aus der Region nicht bestellt – zumindest wenn man einen Kreis mit 15 Kilometern Radius um Offenbach herum zieht.

Tauchen Lokalpatrioten nämlich tiefer ein in die Hauptfiliale von „Leder-Stoll“, einer Einzelhandels-Perle in Nachbarschaft zu Zeitschriftenkiosk und Asia-Imbiss, machen sie erfreuliche Funde: Handtaschen von Picard aus Obertshausen lassen sich dort ebenso entdecken wie hochwertige Geldbörsen von Becker aus Rodgau. „Einen Großteil der Aktentaschen und modischen Handtaschen beziehen wir heute aus dem Offenbacher Umland“, sagt Stoll, der zusammen mit seinem Vater Manfred Stoll Inhaber ist, das Tagesgeschäft inzwischen aber allein bewältigt.

Immer noch eine bedeutende Rolle bei Lederwaren

Die Rolle der Lederwaren aus der Region sei entgegen der landläufigen Meinung noch immer eine bedeutende, meint jedenfalls Leder-Experte Joachim Stoll. „Wir führen neben deutschen natürlich auch internationale Marken“, sagt er. „Aber aus dem Offenbacher Raum kommt nach wie vor einiges.“ Das ist nicht nur an den Waren von Picard oder Becker zu sehen – ein Rundgang durchs Geschäft führt früher oder später auch vorbei an Gürteln und anderem Kleinleder von Esquire, einem Unternehmen mit Sitz in Rodgau.

Ebenfalls in Rodgau beheimatet und bei „Leder-Stoll“ zu finden: Stratic. Apollo oder First heißen nur zwei von etlichen Marken, mit denen Stratic Trolley-Kollektionen und Weichgepäck benennt.

Wenn in der Offenbacher Chronik zu lesen ist, dass die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts eine überragende Rolle in Produktion und Verarbeitung von Leder einnahm, so deckt sich das mit dem, was Stolls Vorfahren weitertrugen. Urgroßvater Friedrich Stoll gründete das Unternehmen im Jahr 1920, damals schon in der Frankfurter Schäfergasse, wenn auch in einem anderen Gebäude. Zunächst stand der Schuhmacherbedarf im Zentrum des Produktportfolios, erst nach und nach kamen Lederwaren und Lederkleidung hinzu.

Auf Reisegepäck und Modisches gesetzt

„Viele Lieferanten aus Offenbach und Umgebung kamen damals zu uns und suchten nach Verkaufsflächen“, hat Joachim Stoll berichtet bekommen. Ihnen war nicht verborgen geblieben, dass Schuhsohlen und Schuhpflegeprodukte der Stolls für eine ansehnliche Kundenfrequenz sorgten. „Meine Vorgänger haben dann beispielsweise Taschen hinzugenommen“, sagt der heutige Geschäftsführer. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm in der Lederwarenindustrie durch die globale Konkurrenz der Kostendruck derart zu, dass etliche Betriebe ihre Herstellung in Niedriglohnländer verlagerten oder ganz dicht machten. Auch bei „Leder-Stoll“ gab es einen Wandel, den man aber frühzeitig spürte und offensiv in eine gewinnbringende Richtung ummünzte.

„Der Schuhbedarfs-Großhandel wurde immer unwichtiger, deshalb haben wir den Lederhandel für Privatkunden entwickelt“, erzählt Stoll. Man habe erst gar nicht versucht, dem industriellen, modernen Großhandel mit Schuhzubehör Paroli zu bieten.

Stattdessen nahm man Reisegepäck, Freizeittaschen und Modisches aus Leder ins Visier. Auch hier handelte der Fachhändler stets pragmatisch, wurde etwas nicht mehr nachgefragt: 2006 nahm das Fachgeschäft Schuhe komplett aus dem Sortiment, hatte sich vorher bereits von Motorradbekleidung getrennt.

Abwrackprämien für alte Koffer

Mit Ranzen, Rucksäcken und Kuriertaschen fühlt sich „Leder-Stoll“ heute gut aufgestellt. Neben den Vertretern aus der Region prägen Eastpack, Samsonite und Burton die 350 Quadratmeter Verkaufsfläche in der Schäfergasse, die sich auf drei Etagen verteilen. Innovative Geschäftsideen bringen Umsatz: In der Welt der Hartschalen- und weichen Koffer sorgte jüngst eine - inzwischen beendete - „Abwrackprämien“-Aktion bei Stoll dafür, dass etliche alte Koffer abgegeben wurden und neue – preislich attraktiver geworden durch die Bar-Prämie – über die Ladentheke gingen. Vor allem aber hat ein Geschäft kaufmännische Bedeutung bekommen, in dem es Ladentheken nur noch in Form von Bits und Bytes gibt: Mit koffer24 betreibt Stoll einen Online-Shop mit Koffern und Co. „Wir haben damit schon 1998 begonnen und damals als einer der ersten Lederwaren übers Internet verkauft“, erinnert sich der clevere Geschäftsmann.

Während es bei den Koffern heute die Trends zu leichteren Modellen und solchen mit vier Rollen gebe, sei im Hinblick auf die Lederstadt Offenbach eins geblieben: „Die Lederwarenmesse ist auch für uns Frankfurter Lederwarenhändler die wichtigste. Das Angebot wird dort sehr gut abgedeckt“, lobt Joachim Stoll. Nach Kopenhagen, Köln und Paris müsse man da kaum mehr fahren.

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