ARD dreht für neuen Frankfurt-Tatort

Die Spur führt nach Offenbach

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Anderthalb Offenbacher Minuten sind im Kasten, Tatort-Star Joachim Król hat Feierabend.

Offenbach - Gut fünf Stunden war am Samstagabend ein Teilstück der Waldstraße in Offenbach für den Verkehr gesperrt. Der Grund: Dreharbeiten für den „Tatort“-Krimi „Diebe im Gesetz“ mit dem Frankfurter Ermittlerteam Frank Steier/Conny Mey alias Joachim Król/Nina Kunzendorf. Von Harald H. Richter

Und zahlreiche Anwohner waren Zaungäste in der ersten Reihe.

Ein junger Mann tritt aus dem Haus Waldstraße 160 und geht humpelnd auf einen davor wartenden Wagen zu. Kaum sitzt er darin, braust ein feuerroter Golf GTI heran und stellt sich quer. Heraus springen Hauptkommissar Frank Steier und seine Kollegin Conny Mey und eilen herbei. Während es mehreren finster ausschauenden Gestalten gelingt, die Flucht zu ergreifen, kann Steier des jungen Mannes habhaft werden, ihn aus dem Wagen zerren und in den Würgegriff nehmen.

Familien sitzen am Wohnzimmerfenster in erster Reihe

Die Szene wird wieder und wieder geprobt, aus mehreren Einstellungen gefilmt, bis sie endlich sitzt und Regisseur Edward Berger zufrieden ist. „Und täglich grüßt das Murmeltier“, sagt ein Passant schmunzelnd, der das Spektakel an der Ecke Waldstraße/Birkenlohrstraße schon eine ganze Weile verfolgt und sich des Films entsinnt, in dem ein Mann in einer Zeitschleife immer wieder ein und denselben Tag durchlebt. So ähnlich mutet es auch an diesem Samstagabend bei den Dreharbeiten des produzierenden Hessischen Rundfunks an.

Stefan Altheimer weiß, wie zeitraubend so ein Dreh sein kann – und sei die Szene noch so kurz. Vor 18 Jahren war der Offenbacher selbst Komparse, damals in einem Krimi aus der Serie „Ein Fall für zwei“. Er erinnert sich deshalb so genau, „weil meine Frau Christina da ihren 30. Geburtstag hatte.“ Beide beobachten nun mit weiteren Neugierigen, was sich 30 Schritte vor ihnen auf der Waldstraße tut. Deutlich bequemer hat es hingegen Familie Kilic. Sie sitzt quasi in der ersten Reihe: Mutter Kilic und ihre Tochter Melten verfolgen die wiederkehrende Szene vom Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss aus. Der Sohn beobachtet unterdessen mit einigen Kumpels an der Straßenecke den Fortgang der Dreharbeiten vor dem Nachbarhaus.

Auch einige Nebenstraßen sind „dicht“

Überall stehen grüppchenweise Schaulustige herum, nicht immer in der gebotenen Entfernung, so dass sie zur Seite beziehungsweise gänzlich aus dem Bild gebeten werden müssen. An den Endpunkten Odenwaldring und Landgrafenring bestehen schon seit dem frühen Abend Straßensperren. Sämtlicher Kraftfahrzeugverkehr wird umgeleitet, auch einige Nebenstraßen sind „dicht“. Nur Fußgänger und Anwohner können den Abschnitt passieren, aber auch nur dann, wenn gerade keine Kamera läuft.

Jeder im etwa 30-köpfigen Aufnahmeteam des hr hat seine zugewiesene Aufgabe am Set. Der Drehort ist korrekt auszuleuchten, der Ton zu checken und mehrere Filmkameras sind in Position zu bringen. Gegen elf werden Schnittchen gereicht und Kaffee an die Akteure ausgeschenkt, denn obwohl es ein relativ milder Oktobertag gewesen ist, kriecht doch langsam empfindliche Kühle um die Ecken. Außerdem stecken den Beteiligten seit halb drei am Nachmittag schon einige Außendrehs in den Knochen.

„Hundertzweiundvierzig-fünf, die Dritte“

Ein paar Meter abseits wartet Hauptdarstellerin Nina Kunzendorf auf ihren Einsatz - in ihrem nunmehr vierten Frankfurt-„Tatort“ nicht mehr mit fraulicher Lockenmähne, sondern betont cool mit dunkler Kurzhaarfrisur. Im Gegensatz zu ihrem Schauspielerkollegen Joachim Król (55), der den Sonderling im Trenchcoat mimt, verkörpert die 40-jährige gebürtige Mannheimerin die eher flippige Ermittlerin in Cowboystiefeln, engen Jeans und brauner Lederjacke. Die Maskenbildnerin tupft noch ein wenig Puder auf die Stirn der Hauptdarstellerin und zupft an deren Frisur – jedes noch so kleine Detail muss stimmen. Minuten später heißt es aber für Nina Kunzendorf und Joachim Król wieder: „Kamera läuft“.

Dann fährt „Komparsen-Michi“ drehbuchgetreu mit seinem Wagen am silberfarbenen Ganovenauto vorbei und das Ermittlerduo braust heran, doch Aufnahmeleiter Oliver Große-Kreul bricht ab. „Da hinten läuft jemand ins Bild“, rüffelt er einen Mitarbeiter, der eigentlich besser hätte aufpassen und die gegenüberliegende Straßenecke von Passanten freihalten sollen. Große-Kreul verliert aber zu keiner Zeit die Geduld, spricht freundlich auf einen Hausbewohner ein, der urplötzlich an einem Fenster erscheint, obwohl bei der zuvor gedrehten Sequenz der Laden noch geschlossen war. Zum Verdruss des Aufnahmeleiters drückt plötzlich jemand das Treppenhauslicht und die Crew muss warten, bis es von alleine wieder ausgeht. Erst dann ertönt die Klappe für „Hundertzweiundvierzig-fünf, die Dritte“ und es kann weitergehen.

„Grüße aus der Mandschurei“

Kommissar Frank Steier hat den zwielichtigen jungen Mann aus dem Auto überwältigt, brüllt ihn an: „Die Libanesen haben deine Frau, wo sind die? Mach‘s Maul auf!“ und packt ihn am Schlafittchen. Im selben Augenblick zieht Kollegin Conny Mey eine große Sporttasche aus dem Pkw, in der sich eine Handvoll Baseballschläger befinden, und hält ein Navigationsgerät hoch. Damit kommen die beiden Ermittler der Lösung ihres Falles sicher ein Stück näher.

Worum es in diesem „Tatort“ genau geht, der zunächst unter dem Arbeitstitel: „Grüße aus der Mandschurei“ geführt war, bleibt noch geheim. Vieles deutet aber auf eine Story im Mafia-Milieu hin. Die Handlung stammt erneut von Lars Kraume, der in Frankfurt aufwuchs und mittlerweile eine Produktionsfirma in Berlin leitet. Er schrieb schon zwei der drei Drehbücher für die Frankfurter Kommissare.

Auf dem Bildschirm gibt es das Duo Król/Kunzendorf am 14. April 2013 um 20.15 Uhr im Ersten zu erleben – mit dem ganzen Fall und nicht nur anderthalb Minuten, die kurz nach Mitternacht endlich „im Kasten“ sind.

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