Auf tausend Sohlen durch Zeiten und Kontinente

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Auch das sind Schuhe: Aus Indien stammen die nicht sehr bequem wirkenden Pflocksandalen.

Offenbach - Ein Beispiel, wie man mit geringen finanziellen Mitteln Großes leisten kann. Die lange geschlossene Abteilung „Schuhe der Welt“ im Leder- und Schuhmuseum strahlt zwar noch den Charme der 50er Jahre aus, doch die neue Präsentation gleicht einem musealen Quantensprung. Von Reinhold Gries

Die neu verglasten, dekorierten, betexteten und mit Leuchtdioden erhellten Schaukästen mit verborgenen Bewegungsmeldern sorgen für viel mehr Konzentration und Atmosphäre. Überarbeitete Wandtexte, neue globale Gegebenheiten berücksichtigend, sind informativer und besser verständlich. Sie sorgen für viel Durchblick auf der geographischen wie chronologischen Schuh-Reise um den Globus, die mit etlichen bisher nicht gezeigten Stücken aufwarten kann. Am Sonntag um 11.30 Uhr ist Wiedereröffnung im Leder- und Schuhmuseum.

Restauratorin Nina Frankenhauser präsentiert einen schweren Mongolen-Stiefel.

Museumsleiter Dr. Christian Rathke, Chefkonservatorin Jutta Göpfrich und Anthropologin Martina Heikel Muff haben Schädlingsbefall ebenso aus der Präsentation verbannt wie giftig ausdünstende Stützhölzer. Auf einem Flachbildschirm laufen neue, vom Offenbacher Filmclub (FCO) erarbeitete DVD-Sequenzen zur Fertigung von Mokassins in Westkanada, „Budapestern“ aus Norddeutschland und osmanischem Schuhwerk.

Initiator Rathke ist froh darüber, reklamiert er doch für sein Deutsches Ledermuseum den Rang eines „Welt-Schuhmuseums“. Statt eines früher kaum zu überblickenden Sammelsuriums bunt gewürfelter Schuhformen herrschen in der Abteilung „Schuhe der Welt“ nun Transparenz und Einprägsamkeit.

Trotz spürbaren didaktischen Anspruchs hat man auch die Attraktivität gesteigert. Neu angefertigte Weltkarten, auf denen man typische Schuhformen und -arten den jeweiligen Kontinenten und Ländern zuordnet, veranschaulichen die Vielfalt der Kulturen.

Dazu erfährt man gleich am Eingang etwas über die auf Grundformen beruhende Schuh-Typologie: über die Sandale mit T- oder Y-Bindung, die auf dem Balkan getragene Opanke, die den ganzen Fuß umschließt und die nicht nur im Orient gebräuchlichen Pantoffel, in die man so schön hineinschlüpfen kann. Oberleder-Schuhe und Stiefel gelten als Weiterentwicklungen. Da erhöht ein Häuptling schon einmal seinen Rang mit westlichen Badelatschen und ein wild reitender Freiheitskämpfer agiert in Adidas-Tretern.

Der Rundgang durch die Kontinente führt weiter in der Wüste, zu gut im Sand konservierten altägyptischen Sandalen von 1500 v. Chr. und zu koptisch-frühchristlichem Schuhwerk des Niltals. Dann geht es zu ost- und südeuropäischem Schuhwerk, das jetzt endlich paarig vorm Betrachter steht, nicht mehr nur als Einzelstück. „Wenn man diese schön bestickten Schuhe sieht, kann man sich beinahe die Person vorstellen, die daraus hervor wächst“, meint Rathke zu einem ungarischen Schuhpaar der feinsten Sorte.

Weniger klobig sind die farbenprächtigen Tataren-Stiefel.

Daneben gibt es auch Derberes zu sehen, Schuhe und Reitstiefel, mit denen „Mann“ meilenweit lief oder ausritt. Nicht nur kunstvoll geschnittene und applizierte Lederstiefel der Wolga-Tataren aus Kasan galten als Statussymbol. Sie zeigen Sinn für Form und Farbe, derweil ärmere Russen barfuß durchs Zarenreich liefen, oder mit kargem Fußkleid aus Gras, Hanf, Holz oder Baumrinde. Wie bei den Römern, die erstmals in der Lage waren, Schuhe für „links“ und „rechts“ anzufertigen, war es auch für illustre Balkan-Schuhe nicht selbstverständlich, zu passen.

In asiatischen Schuhwelten fühlt man sich zuweilen an die Primitivität mittelalterlicher Schuhe aus Europa erinnert, bei denen „alles über einen Leisten“ geschlagen wurde. Manche der bootsartigen japanischen Schuhe und Stiefel sind aus Reisstroh geflochten, andere Fernostprodukte erfreuen durch Ornamentik.

Gedrechselte indische Pflocksandalen verraten Askese statt Komfort. Spektakulär die japanischen Kemari-Schuhe für das älteste rituelle Fußballspiel der Welt. Herrlich geschnittene, grün gefärbte Dekorstiefel aus der Mongolei ließen Trägern viel Platz, während 5 bis 10 Zentimeter lange Lotusschühchen trippelnder chinesischer Hofdamen nur mit verkrüppelten Füßen zu (er-)tragen waren, durch feste Bandagen von Kind an herangebildet. Da wirken paillettenbestickten Pantoffeln aus dem Iran viel bequemer. Die Kulturreise durch Asien zeigt besonders viele Prachtstücke aus dem Iran und der Türkei.

Die Sandalen und Riemchenstickereien aus Afrika sind knapper aufgefächert, polare Pelz- und Seehundstiefel und Schneeschuhe bilden das Gegenstück. Rund wird die neue Dauerausstellung an der Frankfurter Straße 86 durch kostbare Stücke, welche die Schuhe in den Kontext dazugehöriger Kleidung und Rüstung stellen.

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