Tausende können nicht richtig lesen

Grundbildungszentrum der Offenbacher Volkshochschule hilft erwachsenen Analphabeten

Birgit Gehl und Jennifer Haines-Staudt bieten im Grundbildungszentrum Kurse für funktionale Analphabeten an.
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Mehr als zwölf Prozent aller Erwachsenen sind funktionale Analphabeten. Birgit Gehl und Jennifer Haines-Staudt bieten im Grundbildungszentrum Kurse an.

Der kurze Blick aufs Straßenschild, das Ausfüllen eines Kontaktformulars, der Kauf einer Fahrkarte am Automaten. Dinge, die selbstverständlich scheinen – für viele Menschen aber nahezu unmöglich sind: Rund 6,2 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben, das entspricht 12,1 Prozent der Bevölkerung. Auf Offenbach umgerechnet sind es rund 11 000 sogenannte funktionale Analphabeten.

Offenbach - „Wie groß ihre Zahl in der Stadt tatsächlich ist, wissen wir nicht. Die Dunkelziffer könnte aufgrund der Bevölkerungsstruktur höher sein“, vermutet Birgit Gehl, Leiterin des Grundbildungszentrums an der Volkshochschule (Vhs), das seit Jahren Erwachsene an das Lesen und Schreiben heranführt. Neben entsprechenden Kursen gibt es Angebote zur gesunden Ernährung, digitalen Grundbildung und Alltagsrechnen. Es ist eines von drei Grundbildungszentren in Hessen, die von 2020 bis 2022 aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes gefördert werden. „Durch die Projektförderung können wir das Angebot erweitern und die Teilnahmekosten deutlich senken“, freut sich Gehl.

Einen Euro kostet eine Unterrichtseinheit noch, um zumindest die finanzielle Hemmschwelle abzumildern. Dennoch stellt dieser Schritt für gering Literarisierte eine große Hürde dar, wie die Projektkoordinatorin Jennifer Haines-Staudt weiß: „Für viele ist es mit Scham verbunden, sich ihrem Problem zu stellen. Der Zugang muss daher so niedrigschwellig wie möglich sein.“

Meist stellen Beratungsstellen oder Institutionen wie die Mainarbeit, aber auch Angehörige den Kontakt her. „Dabei ist es wichtig, dass sie den Betroffenen sensibel darauf ansprechen.“ Dann folgt ein erstes Kennenlern- und Beratungsgespräch im Grundbildungszentrum. „Es ist ein langer und schwieriger Weg“ sagt Gehl. Man wird damit konfrontiert, was man lange nicht geschafft und sorgfältig verborgen hat.“

Es sei falsch zu denken, es handele sich hauptsächlich um Zuwanderer mit fehlender Schulbildung. „Es sind zum Großteil Menschen, die in Deutschland geboren sind und das hiesige Schule durchwandert haben, manche haben einen Haupt- oder Realschulabschluss“, berichtet Haines-Staudt. Der Großteil von ihnen sei erwerbstätig. Wer ein wissendes und helfendes Umfeld hat, kann sich erfolgreich durchs Leben schlagen – wie der Malermeister mit Führerschein und durchgängiger Erwerbsbiografie, der erst im Alter von 54 Jahren beschlossen hat, sich zum Lese- und Schreibkurs anzumelden. „Es ist das Phänomen des Auswendiglernens“, erläutert die Expertin, wie solche Menschen zum Beispiel Prüfungen bestehen. „Sie merken sich Schlüsselbegriffe in Texten, scannen diese danach ab. Das funktioniert tatsächlich.“

Im Alltag „mogeln“ sie sich durch viele Situationen, wenn sie etwas lesen oder ausfüllen müssen. „Typische Ausreden sind zum Beispiel, dass ihre Hand gerade weh tut oder dass sie die Brille vergessen haben“, weiß Gehl. Zu unterscheiden ist zwischen primären und sekundären Analphabeten. Erstere haben Lesen und Schreiben nie gelernt, zweitere haben es im späteren Leben wieder vergessen oder verlernt.

Weil die Voraussetzungen und Vorerfahrungen so unterschiedlich sind, kann auch ein Kurs nicht nach einem festen Schema ablaufen. „Wir verwenden zwar auch Material für Grundschulkinder, seit 2011 gibt es aber auch welches für Erwachsene“, so Projektkoordinatorin Haines-Staudt. „Dabei versuchen wir, konkrete Bedürfnisse der Teilnehmenden aufzugreifen.“ Man orientiert sich eng am Alltag, geht gemeinsam zum Fahrkartenautomat oder in die Stadtbibliothek, um einen Ausweis zu besorgen. „Die Teilnehmer haben allesamt große Lust zu lernen“, betont Gehl. Während Corona gab es Lernpäckchen für Zuhause, auch wurde einiges online angeboten. Alle hoffen, dass Präsenz-Kurse nach den Sommerferien möglich sein werden. „Die Gruppenmitglieder profitieren vom gemeinsamen Lernen“, wissen die Expertinnen. Sie unterstützen sich gegenseitig, geben sich Tipps – und sind am Ende mächtig stolz auf das Erreichte, das einen großen Gewinn an Lebensqualität bedeutet.

Infos im Internet: of-gbz.de

Von Veronika Schade

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