Taxis in Offenbach

Nur keine Hemmungen

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So multikulti wie die Stadt selbst sind auch Offenbachs Taxifahrer. Weil jedoch so mancher Kunde Berührungsängste hat und mangelnde Kompetenz vermutet, wollen Taxiunternehmer nun vermitteln. Wünschen sich mehr Offenheit im Umgang miteinander (von links): Harry Schweitzer, Afzal Mohammad und Addy Wehner.

Offenbach - Taxiunternehmer Addy Wehner spricht Probleme an, statt darauf zu hoffen, dass sie sich von selbst lösen. Viele seiner Stammkunden hätten ein gewisses Unbehagen, wenn ihr georderter Fahrer fremder Herkunft ist. Von Jenny Bieniek 

„Es langt schon, wenn einer Bart oder Kaftan trägt, vom Turban ganz zu schweigen“, so seine Erfahrung. „Aber Offenbach ist eben Offenbach.“ Vor allem Frauen hätten Berührungsängste. Die weltpolitische Lage verschärfe zusätzlich Vorbehalte gegenüber Moslems. Zu Unrecht, wie Wehner findet. „Das sind in der Regel anständige Leute“, versucht er Hemmungen abzubauen. Er sieht sich als Vermittler zwischen den Kulturen, wirbt für mehr Offenheit im Umgang miteinander.

Manche Kunden äußerten am Telefon den Wunsch, bitte einen deutschen Fahrer zu schicken. „Da sage ich immer: Wir haben fast nur Deutsche“, sagt Wehner und lacht. Seine Kartei umfasst mehr als 250 Fahrer. 90 Prozent von ihnen haben ausländische Wurzeln, aber einen deutschen Pass. Der Großteil stammt aus Pakistan, doch auch Afghanen und Türken sind häufig anzutreffen. Als eine „gewisse Angst vor Leuten, die nicht mitteleuropäisch aussehen“, beschreibt es auch Harry Schweitzer, Vorsitzender der Taxi-Union Offenbach. Dabei gehe es jedoch nicht um Rassismus, wie er betont. „Das war früher viel schlimmer.“ Vielmehr werde die Kompetenz der Fahrer angezweifelt. „Die Erwartung ist: Ein deutscher Fahrer kennt sich besser aus“, glaubt auch Wehner.

Meist Verständigungsprobleme

Tatsächlich dürften es im Alltag meist Verständigungsprobleme sein, die den Eindruck von mangelnder Kompetenz aufkommen lassen. Denn ohne ausreichende Deutschkenntnisse wird aus der Arndt- schnell die Arendstraße. Und was bitteschön ist der Dalles? Theorie ist eben nicht gleich Praxis. Wer in Offenbach Taxi fahren will, muss vor Jobantritt in einer sogenannten Ortskenntnisprüfung unter Beweis stellen, dass er sich in Stadt und Umgebung auskennt. Schriftlich müssen dazu in einer normalen Prüfungssituation Fragen beantwortet werden. Etwa: In welcher Straße liegt das Büsingpalais? Oder: Nennen Sie den direkten Weg vom Achat Plaza-Hotel zum Frankfurter Zoo. Pro Jahr nehmen laut Bürgerbüro rund 60 Prüflinge teil, die Durchfallquote liegt bei 55 Prozent.

Auch Afzal Mohammad hat diese Prüfung abgelegt und bestanden. Er lebt seit 1988 in Deutschland und fährt seit zwei Jahren Taxi. Wie die meisten seiner Kollegen kommt er aus Pakistan. Obwohl seine Deutschkenntnisse nicht übers Grundniveau hinausgehen, sieht er für seinen Arbeitsalltag „kein Problem“, weil bei Verständigungsproblemen im Zweifel das Navi helfe. Harry Schweitzer sieht das anders. Er hält ein Mindestmaß an Sprachkenntnissen im Taxigewerbe für essentiell und bedauert, dass sich die hiesigen Prüfungen nur aufs Theoretische beschränken. In London, so erzählt er, gebe es einen entsprechenden Praxistest, den er sich auch hierzulande wünschen würde. Dies sei nicht zuletzt im Sinne der Fahrer, weil es Sicherheit vermittele.

Wo Verständigungsprobleme keine Rolle spielten, sei das Wir-Gefühl ausgeprägter. „Dort heißt es, egal ob dunkelhäutig, mit Bart oder Kaftan: Das sind Londoner. Und so hätt’ ich’s gern auch in Offenbach“, sagt Schweitzer. Im Grunde sei das Aussehen schließlich egal, solange die Leute ihren Job richtig machten. Er vermisst bei vielen Fahrgästen zudem die Neugierde. Kaum jemand frage nach, was es mit Bart oder Turban auf sich habe. Das Gewerbe hat sich gewandelt, sagt Addy Wehner, der den Betrieb in dritter Generation führt. Zwar seien die formellen Qualifikationsanforderungen schon immer gering gewesen. Während Taxifahrer früher jedoch Respektspersonen waren, verkomme das Gewerbe durch chronischen Personalmangel und hohe Fluktuation heute mehr und mehr zum Billigsektor, so die Unternehmer.

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