Aus den Clubs hinters Lehrerpult

Techno-DJ unterrichtet in Offenbach Kunst

Unterrichtet nun Kunst: Oskar Offermann.
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Unterrichtet nun Kunst: Oskar Offermann.

Das frühe Aufstehen ist furchtbar“, sagt Oskar Offermann und schmunzelt hinter seiner Maske. Kein Wunder, dass den 40jährigen Nordendbewohner das beutelt, hat in den letzten zehn Jahren doch ein ganz anderer Rhythmus seinen Alltag bestimmt. Die Corona-Pandemie hat für eine 180-Grad-Wende in Offermanns Leben gesorgt: Noch bis zum letzten Jahr reiste er als Techno-DJ um die ganze Welt und ließ Tausende von Leuten zu wummernden Beats tanzen.

Offenbach - Jetzt bedient er ein ganz anderes Zielpublikum: Kinder und Jugendliche von der sechsten bis zur elften Jahrgangsstufe. Oskar Offermann hat die Schallplatten weggepackt und steht aktuell 24 Wochenstunden als Kunstlehrer vor Gymnasialklassen – zumindest vorerst.

Ursprünglich studierte der gebürtige Frankfurter Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin und wechselte im Hauptstudium in das Fach Experimentelle Mediengestaltung mit Schwerpunkt auf narrativem Film. „Dann wollte ich eigentlich Spielfilmregisseur werden“, berichtet Offermann, „aber was mich am Filmedrehen nervt: Es ist unglaublich anstrengend, zwei Jahre an nur einem Projekt zu arbeiten.“ Den Vollblutkünstler begleitete schon lange eine andere Leidenschaft: die Musik. Schon immer habe er in Bands gespielt und bereits als Jugendlicher aufgelegt. Letzteres intensivierte sich während seines Studiums immer mehr, bis Offermann einen Beruf daraus machte und 2010 offiziell als selbstständiger Techno-DJ loslegte. Nach 15 Jahren mit dem Hauptwohnsitz Berlin kehrte er zurück ins Rhein-Main-Gebiet und wurde in Offenbach heimisch. Häufig zuhause war er aber noch lange nicht.

„40 Wochenenden ist man im Jahr unterwegs“, schätzt Offermann. „Montag bis Freitag sitzt man im Studio, recherchiert und kauft neue oder auch viele alte Platten. Und dann produziert man auch Musik.“ Meistens gegen Freitagmittag musste er aufbrechen, um per Flugzeug oder Bahn zu einem Gig zu reisen – und eventuell am Tag darauf zu einem weiteren, doch dann völlig woanders: „Ich hatte extreme Wochenenden, wo ich donnerstags in Australien gestartet bin, Freitag auf einem Festival in Vietnam und Samstag auf einem in Holland war und sonntags in London.“

In den asiatischen Raum führten ihn auch längere Tourneen. „Wenn man Pech hat, ist die Freundin sonntags beleidigt, denn wenn man heimkommt, will man gerne ins Bett“, grinst er.

Dieses turbulente Leben fand vor etwas mehr als einem Jahr ein jähes Ende: Offermann hatte eben noch eine große Tournee in Asien gespielt, als die Nachrichten vom Coronaausbruch in Wuhan um die Welt gingen und das Virus sich in Windeseile über den ganzen Planeten verbreitete. Zu der Zeit waren für den Sommer schon viele Termine auf Festivals geplant: „Ich dachte, bis dahin ist das alles gegessen“ Als die Lage dann immer klarer und die Perspektive immer verschwommener wurde, musste Offermann umdenken: „Bevor ich dumm rumsitze, dachte ich, man könnte sich auch neu orientieren, denn wer weiß, wie und wann es weitergeht?“

Außerdem fand er plötzlich Gefallen daran, mit seiner Lebensgefährtin mehr Zeit zuhause verbringen zu können. So schrieb er initiativ Schulen im Offenbacher Stadtgebiet an – und wurde gleich von mehreren zum Gespräch eingeladen. Hier hatte Offermann eine offene Tür entdeckt: Dank des großen Lehrerbedarfs fand er zügig eine Stelle als tarifvertragliche Hilfskraft und sitzt nun hinter dem Lehrerpult statt hinter der Musikanlage. Kunst ist das Fach, das Offermann jetzt über die Wochentage verteilt an der Albert-Schweitzer-Schule und der Montessorischule unterrichtet – und das ohne pädagogische Grundlagen.

„Obwohl ich wahnsinniges Lampenfieber hatte, fiel mir der Einstieg sehr leicht und auch der coole DJ-Status macht es leichter“, freut sich Offermann. Außerdem habe er „traumhafte Kollegen“ und eine Schulleitung mit einem „Supergefühl und Verständnis für Leute.“

„Es war vorher schon ein ganz anderer Lifestyle“: Früher klingelte der Wecker ein- oder zweimal die Woche, jetzt findet sich Offermann in einem unbarmherzigen Arbeitsrhythmus wieder. Das sei auch okay, aber trotzdem spüre er „leichte Wehmut“: „Man weint dem Vergangenen schon hinterher.“

Aber er ist auch stolz darauf, die Krise so gut genutzt und sich in dem Jahr mit unfreiwillig viel freier Zeit neu orientiert zu haben. Die neue Situation könnte auch durchaus Offermanns Zukunft mitbestimmen: „Ich denke, dass ich das Lehrerding weitermachen möchte. Es ist sich nicht verkehrt, zweigleisig zu fahren, sondern auch eine gute Sicherheit bietet.“

Jedoch verläuft der neue Pfad des lehrenden DJs nicht ohne Stolpersteine: Durch seinen Direkteinstieg als tarifvertragliche Hilfskraft werde er schlechter bezahlt, erklärt er. Um trotzdem seinen Standard halten zu können, helfen die Soforthilfen und Stipendien, mit denen Künstler vom Land in der Pandemie unterstützt werden. Einfach sei es trotzdem nicht: „Man hangelt sich von einem Ast zum anderen“.

Von Jan Schuba

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