Zirkusfamilie Frank

Tempo, Witz, Attraktionen

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Zwischen Hüh und Hott: Die Tierdressuren erfreuen sich vor allem bei den Kindern im Publikum besonderer Beliebtheit.

Offenbach - Morgens Mathe, nachmittags Manege – für die drei Kinder der Zirkusfamilie Frank Alltag. Das Besondere: Sie erhalten an zwei bis drei Vormittagen die Woche Unterricht im mobilen Klassenzimmer. Ein umgebauter Wohnwagen ist mit allem ausgestattet. Von Harald H. Richter

„Demnächst steht sogar ein internetfähiger Laptop zur Verfügung“, verrät Lehrer Alfred Spitz, seit Jahren unterwegs in Diensten der Wiesbadener Schule für Kinder beruflich Reisender. Dann können die Schützlinge im „E-Learning“-Verfahren ihr Pensum erfüllen und ihm Hausaufgaben online übermitteln.

Der 16-jährige Marcello Frank steht kurz vorm Hauptschulabschluss. Geprüft wird er in denselben Fächern wie seine Altersgenossen an herkömmlichen Schulen. Er und seine Schwestern Alice Belinda (13) und Aloma Tatjana (10) wissen den individuellen Unterricht und das intensive Lernen zu schätzen, welches ihnen das vom Land Hessen und dem Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau geförderte Projekt bietet. Vergleichbares gibt es für Kinder aus Schausteller- und Binnenschifferfamilien beziehungsweise von Zirkusangehörigen nur noch in Nordrhein-Westfalen.

„Früher war das ein Riesenproblem“

Der auf die Lehrpläne abgestimmte Unterricht berücksichtigt die Lebensbedingungen der Lernenden und ihren Leistungsstand. „Früher war das ein Riesenproblem“, sagt Lehrer Spitz. „Zwangsläufig besuchten Zirkuskinder nur wenige Tage die örtlichen Schulen, bekamen den Stoff manchmal doppelt und dreifach vermittelt, dann verpassten sie wichtigen Stoff.“ Damit ist es vorbei. Nun büffeln die Kinder, entweder betreut von ihrem Lehrer im behaglich beheizten Wohnwagen, oder künftig selbstständig mittels im Netz übermittelter Lernpakete.

Vater Marco Frank begrüßt dies: „So bekommen sie eine vernünftige Bildung mit auf ihren Lebensweg.“ 1812 in Schwerin gegründet, wird der in achter Generation betriebene Familienzirkus von ihm geführt. Sohn Marcello kann sich gut vorstellen, ihn eines Tages zu übernehmen. Nicht von ungefähr hat der Junge für seine Projektprüfung ein Thema gewählt, das mit Zirkus zu tun hat – die Planung eines Stallzelts.

Premiere am Nachmittag

Ihre Talente entfalten die Nachkömmlinge nachmittags bei der Premiere, durch deren Programm Mutter Bianca Frank führt. Da verbiegt die kleine Aloma bei einer Kautschuk-Akrobatik ihren kindlichen Körper, schwebt ihre Schwester Alice am Ringtrapez empor und vollführt unter der Kuppel gewagte Kunststücke. Bruder Marcello wird zum Clown Banane, der mit dem Publikum allerlei Schabernack treibt. So fährt er großes Instrumentarium auf, lässt ausgesuchte Zuschauer die Tuba blasen und die Pauke schlagen.

Die Cousinen haben ihren Auftritt beim Balancieren auf dem gespannten Silberdraht sowie an der Seite von Onkel Walter bei der Parade der Esel, Zwergziegen, Hunde und des schnatternden Federviehs. In einer anderen Nummer präsentiert Walter Frank seine bellende Rasselbande, die durch die Manege saust, bis das Sägemehl aufstiebt, dann über Stühle springt und auf zwei Pfoten tänzelt. Für jedes gelungene Kunststück wird die Hundemeute belohnt.

Tiere begeistern junges Publikum

Gerade die Tiere sind es, die das überwiegend junge Publikum begeistern. Auf ihren Bänken aufgeregt hin und her rutschenden Dreikäsehochs entweichen Ahs und Ohs, als Direktor Marco Frank alias Marco Giovanni Barus in schwarz-rot-goldener Livree seine Kamele hereinführt. Für Großstadtkinder ist der Anblick dieser Wüstentiere etwas Besonderes. Da hält es manches Kind nicht mehr auf dem Platz; am Manegenrand wird’s eng.

Auch die vom Chef präsentierte Dressur nordamerikanischer Pinto-Pferde wird mit heftigem Händeklatschen belohnt. Und wie gern würden die Mädchen und Jungen die Tiere einmal streicheln... Dazu haben sie in der Pause bei der Fütterung im Stallzelt die Gelegenheit.

Meisterkoch mit seinen tanzenden Tellern

Charly Frank, der Meisterkoch mit seinen tanzenden Tellern und fliegenden Löffeln, fegt wie ein Derwisch durch die Manege, um sein auf Stäben kreiselndes Porzellan vor einem Scherbenhaufen zu bewahren, begleitet von allerlei Geschrei aus Dutzenden Kinderkehlen. Temporeich geht es zu, und höchste Konzentration ist vonnöten, damit die Jongliernummern klappen. Kaum anders verhält es sich bei der chinesischen Stuhlpyramide, wo Krafteinsatz und Balance gefragt sind.

Vorstellungen sind bis 31. März täglich außer Karfreitag um 16 Uhr an der Waldstraße/Rowentastraße (hinter ATU), Dienstag ist ermäßigter Familientag, Ostersonntag Kindertag.

Die Darbietungen sind eine ansprechende Mischung aus Tierdressur, Artistik und Comedy, ein ehrliches Programm, bei dem jeder sein Bestes gibt. Alle Akteure haben sich mit Leib und Seele dem Zirkus verschrieben. „Für mich ist es nicht einfach ein Beruf, sondern eine Leidenschaft“, sagt Marco Frank, der die Mitwirkenden zum Finale ins Scheinwerferlicht bittet, um den Schlussbeifall entgegenzunehmen.

Er spricht für alle, Senior Stefan Frank eingeschlossen. Wo immer helfende Hände gebraucht werden, packt der nach wie vor mit an. Das Zirkusdasein ist eben eine Lebensaufgabe.

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