Tennis, Sauna, Züge gucken

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So werden Vögel den neuen Seniorenkomplex auf ehemaligem OTC-Besitz wohl sehen. Der Tennisclub verkauft, um den Schulden zu entkommen und in sich selbst investieren zu können.

Offenbach ‐ Es gibt seltsame Zusammenhänge. Hätte in den letzten Jahren ein Tennisspieler aus Deutschland bedeutende Turniere gewonnen, gäbe es demnächst wahrscheinlich keine neuen Seniorenwohnungen und kein neues Pflegeheim in der Stadt. Von Stefan Mangold

Zumindest nicht auf dem Gelände des Offenbacher Tennisclubs. Denn seit Becker, Graf und Stich in Rente sind, seitdem kein Deutscher mehr Wimbledon gewinnt, nahm die Zahl der Vereinsmitglieder im OTC rapide ab. Von einst 1000 blieben 350 übrig. Die Beitragssumme dezimierte sich dementsprechend, und „die Schulden bei der Bank belaufen sich mittlerweile auf 250.000 Euro,“ erläuterte der im Vorstand des Clubs für Finanzen zuständige Joachim Berger die wirtschaftliche Lage des Vereins in der Helene-Mayer-Straße am Bahndamm. Geld für die notwendige Sanierung der Clubanlage fehlte somit. Die Halle brachte zwar im Winter 50.000 Euro Einnahmen, alleine die Heizkosten hätten sich aber auf 40.000 Euro belaufen. „Ein Nullsummenspiel,“ nannte das Berger.

Eine prekäre Situation, die einem Schuldner oft nur die Wahl zwischen Pest und Cholera lässt: Entweder die Bank greift sich die Sicherheit in Form der Immobilie oder der Schuldner veräußert von sich aus. Der OTC entschied sich für die zweite Variante. Fast die Hälfte des Geländes wechselt den Eigentümer. Von 15 Plätzen, auf denen die Mitglieder während der Freiluftsaison das Racket schwangen, werden fünf verschwinden, „vielleicht auch nur vier,“ hoffte ein Vereinsmitglied am Dienstag im Clubhaus, von dem ebenfalls ein Drittel entfallen wird. Dort stellten Verein, Betreiber, Bauherr und Investor vor, was sich auf dem Areal demnächst verändern soll.

Im Haus befinden sich ein Fitnessraum und eine Sauna

Auf knapp 6 000 Quadratmetern entsteht neben dem Pflegeheim bis Ende des ersten Halbjahres 2011 das sogenannte „Wohnkonzept 50 PLUS“, wenn alles so läuft wie geplant. Gut situierte Senioren können sich hier eine von zehn Wohnungen kaufen. Im Haus befinden sich dann ein Fitnessraum und eine Sauna. Auch den Pflegeservice nebenan können die Bewohner in Anspruch nehmen. Wer sich noch fit fühlt, darf die ersten drei Jahre gebührenfrei dem Tennisclub angehören.

Drei Hauptakteure sind für das gesamte Projekt verantwortlich: die Firma Immoprojekt Entwicklungs-GmbH aus Dreieich kauft das Gelände und baut die Gebäude. Die verkauft Immoprojekt anschließend der Firma Log Sped aus Aschaffenburg. Und Log Sped vermietet an den Betreiber, das Deutsche Rote Kreuz Offenbach.

Mietvertrag mit dem Roten Kreuz geht über 20 Jahre

Wie hoch die Baukosten liegen, wollte Jens Holzmann von Immoprojekt nicht verraten. „Wir haben ein Umsatzvolumen von etwa elf Millionen Euro.“ Das ist der Betrag, den Log Sped überweisen muss. Die Differenz zu den Baukosten wäre der Gewinn. Der Mietvertrag mit dem Roten Kreuz geht über 20 Jahre. Nach den wirtschaftlichen Turbulenzen beim DRK vor fünf Jahren „sind wir schon lange wieder vollständig konsolidiert,“ äußerte sich Doru Somesan, der Vertreter des DRK.

Über die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten waren sich alle einig. „Die demographische Struktur in Deutschland zeigt deutlich den steigenden Bedarf“, sagte Rüdiger Bahmer von Log Sped. Etliche Arbeitsplätze entstünden „etwa 80, besonders im Pflegebereich,“ prognostizierte Doru Somesan.

Und dass die Ecke wegen der gegenüber liegenden Bahngleise nicht gerade zu den ruhigsten Offenbachs gehöre, ließ Holzmann von der schalldichten Bauweise schwärmen. Außerdem werde sich manch älterer Mensch freuen, „wenn er aus dem Fenster schauen und beobachten kann, ob die Züge pünktlich sind.“

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