Und morgen Wimbledon?

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64 Jungs und 48 Mädchen aus der ganzen Welt sind angereist. Von Paraguay bis Madagaskar.

Offenbach - Die Steffis und Agassis der nächsten Generation spielen derzeit auf der Rosenhöhe. Aber nicht alle setzen nur auf die Karte Tennis. Einige peilen sogar ein Studium in Harvard an. Von Kathrin Rosendorff

Die Luftballons neben den Bananen sind der Knaller. Finden zumindest die Tennis-Jungs. Sie blasen sie auf, lassen die Luft wieder raus, tröten sich dann gegenseitig ins Ohr und lachen. Die Tennis-Mädchen checken lieber ihre Mails mit dem Laptop auf dem Schoß.

Etwas zwischen lustiger Klassenfahrt-Stimmung und gelangweilter Wartehallen-Atmosphäre herrscht in den Spielpausen des 18. Internationalen Jugend Tennis-Turnier der ITF (International Tennis Federation). Auf der Rosenhöhe spielen die Steffis und Agassis der nächsten Generation gegeneinander auf Deutschlands größten internationalem Junioren Tennis-Turnier. Am Sonntag ist nach einer Woche spannender Spiele das Finale.

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Tennisstars der Zukunft auf der Rosenhöhe

64 Jungs und 48 Mädchen aus der ganzen Welt sind angereist. Von Paraguay bis Madagaskar. Alle sind zwischen 16 und 18 Jahre alt und alle haben eine Platzierung unter den 230 Besten der Jugend-Weltrangliste. „Seit heute spielen wir ohne Hessen“, erzählt Anne Lange. Überhaupt ist nur eine Deutsche, nämlich Julia Wachaczyk aus Halle-Westfalen am Mittwoch noch im Spiel. Die 55-jährige Lange gehört zum achtköpfigen, ehrenamtlichen Orga-Team des Turniers. Das wird seit 2004 in Offenbach ausgetragen, zuvor spielten die Nachwuchshoffnungen auf den Plätzen des TC Palmengarten in Frankfurt. Weder die Sonne noch die hohe Luftfeuchtigkeit scheinen der braungebrannten Anne Lange etwas auszumachen.

Ohne Schirmmütze ist sie auf der Anlage des Hessischen Tennis Verbands (HTV) unterwegs. Ein Mini-Tennisball baumelt an ihrem Schlüsselanhänger um den Hals. Auf Englisch erklärt sie einem chinesischem Spieler, dass der Shuttle-Bus zum Neu-Isenburger Holiday-Inn, dem Turnier-Hotel, gleich losfährt. „Turniersprache ist Englisch“, sagt sie. „Manchmal ist es nicht einfach, sich zu verstehen. Die Aussprachen sind sehr unterschiedlich, und auch die Levels variieren - von verhandlungssicher bis zu ein paar Brocken, die sie im Ausland aufgeschnappt haben“, sagt Lange.

„Fiesta gibt es nur, wenn ich gewinne“

Li Jia Yi aus China braucht seinen Coach zum Übersetzen. Das Handtuch im nass-geschwitzten Nacken will er nur noch ins Hotel zurück. „Ich bin raus“, sagt der 17-Jährige. „Für mich war das Spielen hier besonders schwer, denn es war mein erstes Mal auf Sand“, erklärt er seine Niederlage. „In China spielen wir nur auf Hartboden.“ Sebastian Gómez (18) aus Kolumbien mag die Natur hier in Offenbach, wie er sagt. Nur: Mehr als die Anlagen des TC Waldschwimmbads und des TC Rosenhöhe, wo ebenfalls gespielt wird, sowie die Plätze des HTV und das Holiday-Inn hat er nicht gesehen. „Turnierplatz und dann Hotel, mehr ist nicht drin“, sagt er. „Fiesta gibt es nur, wenn ich gewinne“, lacht er. Platz 15 belegt Gómez in der Weltrangliste.

Für die Schule bleibt da keine Zeit. „Die Jugendlichen hier spielen nicht nur ein bisschen Tennis. Die meisten sind auf dem Weg, Profis zu werden“, sagt Turnierdirektorin Uta Tschepe (72) und holt einem Mädchen im türkisen Röckchen eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank. Seit zehn Jahren steht ihre Orga-Crew. „Auch das Wasser reichen gehört zum Job“, sagt sie und lacht. Die Junioren selbst dürfen trotz Profi-Niveau noch kein Geld verdienen. Und so gibt es für jedes gewonnene Spiel kleine Sachpreise. Die Turniersieger gewinnen dieses Jahr ein i-Phone, bei den Mädchen kann es teures Make-Up werden.

Nicht nur auf die „Karte Tennis“ setzen

50.000 Euro kostet die Veranstaltung: Hotel, Verpflegung, Physiotherapeut. Das Geld kommt von Sponsoren. Richtig viele Zuschauer hat das Turnier nicht. „Ab und zu kommt einer mit einem Hund rein und guckt kurz“, sagt Lange. Immerhin: Am ersten Wochenende kamen 250 Besucher. „Das Junioren-Tennis hat nicht so einen hohen Stellenwert bei Außenstehenden, obwohl das die Wimbledon-Champs von morgen sind“, sagt Tschepe. Aber sie rät ab, nur auf die Karte Tennis zu setzen. Ein guter Schulabschluss sei wichtig.

Das finden auch die russischen Tennis-Zwillinge Renata und Adel Arshavskaya (16). „Die meisten Tennis-Spieler gehen früh von der Schule ab oder lernen via Internet-Schule“, erzählt Renata. „Wir aber besuchen eine ganz normale Schule in Miami“, sagt ihre Zwillingsschwester Adel. „Schließlich wollen wir später in Harvard oder Princeton studieren.“ Hier in Offenbach spielen sie zum zweiten Mal. „Vergangenes Jahr ist Adel weiter gekommen, diesmal bin ich noch drin“, sagt Renata.

Ihre Begründung: „Wir können ja nicht gleichzeitig hervorragend sein.“ Mate Zsiga (18) aus Ungarn ist der Favorit im Einzel. Sein Pony erinnert ein wenig an den frühen Agassi-Wuschellook. Er fühlt sich irgendwie heimisch. „Endlich kann ich wieder Deutsch sprechen“, sagt er. Bis er sieben Jahre alt war, hat er in Deutschland gelebt. Und so formuliert er ziemlich perfekt und selbstbewusst: „Natürlich will ich Platz eins machen.“

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