Gespräche über Gefährder

Terrorexperte Shams Ul-Haq an der Theodor-Heuss-Schule

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Shams Ul-Haq (mit Hemd und Weste) klärt im Anschluss an seine Erzählungen Fragen der Schüler. Klassenlehrerin Gudrun Wolf lauscht interessiert.

Offenbach -  Der Offenbacher Enthüllungsjournalist Shams Ul-Haq spricht mit Theodor-Heuss-Schülern über ihre Erfahrungen mit deutschen Jugendlichen als IS-Kämpfer. Er sieht hierfür in Offenbach besonderen Bedarf. Von Tamara Schempp 

Shams Ul-Haq stellt sich als der Mann vor, der mit Taliban Tee trinkt, Dschihadisten zum Essen einlädt und dem Islamischen Staat ins Auge blicken will. Doch nicht, weil er dieselbe Gesinnung hat, sondern weil er ein unter anderem erforschen will, wie der IS Flüchtlinge radikalisiert. Vor zwei Jahren berichtete der Journalist exklusiv für unsere Zeitung über Zustände in der Erstaufnahmeeinrichtung am Kaiserlei, die inzwischen vom Land geschlossen wurde.

Außerdem war er für Medien wie Focus, Spiegel, die Welt und Tagesspiegel europaweit in Flüchtlingsunterkünften unterwegs. Die Ergebnisse seiner Recherchen veröffentlichte der 40-Jährige 2016 in seinem Buch „Die Brutstätte des Terrors“. Nun diskutiert der Mann, der sich als Terrorismusexperte bezeichnet, „locker und offen“ mit Schülern in Offenbach über Themen wie Islamismus und Dschihadismus. Aufzuklären sei in dieser Zeit besonders wichtig.

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„Offenbach ist ein schweres Pflaster“, sagt er. Zu erinnern ist an Übergriffe junger Muslime vor einer Moschee auf ein TV-Team, die sich letztendlich in Syrien dem IS anschlossen. Haq weiß von drei jungen Pakistanern, die in den Dschihad gezogen sind, was ihn besonders betroffen macht. Die erste Station auf seiner Mission ist die Theodor-Heuss-Schule auf dem Buchhügel, weitere Bildungseinrichtungen sollen folgen. Beim Auftakt will Haq die Schüler – sie besuchen achte und folgende Klassen – kennenlernen und ihr Vertrauen gewinnen. In einem zweiten Gespräch sollen die Schüler mit ihm unter Ausschluss der Öffentlichkeit über eigene Erfahrungen mit der Thematik Terror sowie Ängsten in diesem Zusammenhang sprechen.

Schulleiter Horst Schad freut sich bei seiner Ansprache sichtlich über den Besuch des für ihn „hochseriösen, sehr aktiven“ Mannes. Dass Seriosität nicht gleich Spießigkeit bedeuten muss, beweist Shams Ul-Haq schon in den ersten Sätzen: „Keiner darf mich siezen!“, fordert er mit einem Augenzwinkern. Dem nachzukommen, fällt den Schülern allerdings schwer. Aus Höflichkeit fallen sie im Gespräch immer wieder ins „Sie“ zurück.

Doch der Journalist möchte sich auf Augenhöhe mit den Schülern unterschiedlichster Herkunft – Türkei, Marokko, Bangladesch, Polen, Sierra Leone, Deutschland – unterhalten. Um ein „Wir“ zu schaffen, erzählt der Pakistaner, der auch indische Wurzeln hat, erst einmal seine Geschichte. Shams Ul-Haq stammt aus einer armen Familie und ist 1990 mit 15 Jahren mithilfe von Schlepperbanden aus Pakistan geflohen. Nach der Hauptschule in Deutschland folgten eine Ausbildung als Schweißer und mehrere Aushilfsjobs, bis er auf Journalismus umschaltete. Seitdem tourt er durch die Welt.

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Die jungen Männer und Frauen lauschen gebannt seiner Lebensgeschichte, die der des Tellerwäschers zum Millionär gleicht. Ein Blick in ihre Gesichter verrät: Sie sind sichtlich beeindruckt. Was ihnen besonders imponiert hat? „Seine Eigeninitiative und wie mutig er war“, sagt Annalena im Anschluss an die Veranstaltung. „Er hatte nichts und hat jetzt einen guten Ruf“, stimmt ihr Mitschüler Sven bei.

Der redselige Mann mit vollem Namen Shams Ul-Haq Qudoos will besonders die muslimischen Schüler für den potenziellen Umgang mit Gefährdern sensibilisieren. Neben dem Appell, sich mehr für Politik und Journalismus zu interessieren, verrät der Terrorexperte ein Geheimnis seiner journalistischen Arbeit: Kommunikation. Er schafft, was er „Freundschaftsbasis“ nennt, indem er auch mal Dschihadisten zum landestypischen Essen einlädt, lässt sie zu Wort kommen, um schließlich dagegen zu argumentieren. Auch für die Gespräche mit den Schülern schafft er eine intime Atmosphäre.

Kommunizieren und Zuhören ist ein pädagogischer Ansatz, den auch die Klassenlehrerin Gudrun Wolf begrüßt. Sie betreut die Gespräche und möchte selbst von den Erfahrungen des Journalisten lernen – von ihm persönlich und aus seinem Buch. So bekommen nicht nur die Schüler, sondern auch deren Lehrer wichtigen Input mit auf den Weg.

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