Anderthalb Jahre Haft

Prozess: 51-Jähriger geht auf Mitbewohner los

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Offenbach - Am Offenbacher Schöffengericht entfalten sich mitunter Biografien, die Romanciers eine Grundlage liefern könnten.

So der Lebensweg eines 51-jährigen Offenbachers, der wegen Körperverletzung für anderthalb Jahre hinter Gitter muss und kaum eine Chance hat, wegen guter Führung nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe rauszukommen: Weil er sich bei Verkündung des Urteils umdrehte und in den Zuschauerraum fragte, wie spät es sei, verscherzte er es sich mit Richter Manfred Beck.

Der Jurist und seine Schöffen hatten sich mit der tragischen Karriere eines hoffnungsvollen Jünglings vertraut gemacht. Vor drei Jahrzehnten hat er das Abitur abgelegt, als eine Wende in seinem Leben eintritt. Sein Vater, der eine angesehene Stellung bekleidet, entdeckt im Zimmer seines Sohns einen Marihuana-Vorrat und stellt ihn vor die Alternative, mit dem Kiffen aufzuhören oder auszuziehen. Er entscheidet sich für den Abschied aus dem Elternhaus und lebt von Gelegenheitsjobs.

Trotz Drogen: Ein bürgerliches Leben

Es folgt der Umstieg auf Heroin. Trotz Konsums harter Drogen führt er ein bürgerliches Leben mit Frau und Kind. Nach und nach verweigert der Körper jedoch seinen Dienst, der Mann arbeitet unregelmäßig, die Beziehung geht in die Brüche. Heute hat er keinen Kontakt zum Kind und zu seinen Eltern.

Vom Heroin hat er inzwischen gelassen, weil es ihm zu teuer wurde. Dafür ist er Alkoholiker. Als Bewohner einer Obdachlosenunterkunft gerät er in Konflikt mit dem Gesetz, weil bei der kleinsten Unstimmigkeit sein Frust über sein Leben in Rage und Gewalt umgeschlagen ist. Beck verurteilte ihn, weil er auf Mitbewohner losgegangen war: einmal mit Fäusten, einmal mit einer Eisenstange, einmal mit einem Totschläger. „Dabei schlug er jeweils seinem Opfer auf den Kopf, bis dieser blutete“, hieß es. Im letzten Fall stoppte ihn erst die Polizei.

Die dem Antrag von Staatsanwalt Alexander Betz folgende Strafe wurde nicht durch seine Behauptung gemildert, er habe, obwohl keine Klinge zu sehen war, mit Messerangriffen gerechnet. Beck erklärte, dass im deutschen Recht nur Notwehr greife, wenn konkret ein Angriff zu erwarten sei.

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Als Gutachter bescheinigte Professor Dr. Manfred Bauer dem 51-Jährigen, dass er an einer Persönlichkeitsstörung leide, verstärkt oder hervorgerufen durch Drogen- und Alkoholkonsum. Dennoch sei er voll schuldfähig. Er habe gewusst, dass man niemanden niederschlagen dürfe – und hätte es somit bleiben lassen können. Er sei nicht therapiefähig, weil er keinen Willen habe, vom Alkohol die Finger zu lassen, erkannte Offenbachs langjähriger Psychiatrie-Chefarzt.

tk

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