Theaterstück an Käthe-Kollwitz-Schule

Alle auf Maschinenkurs

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Fragwürdige Tischmanieren in der Laissez-faire-Familie: Angewiderte Blicke von Tochter Chantal (Ruhye Bari).

Offenbach - Ein halbes Jahr haben angehende Erzieher der Käthe-Kollwitz-Schule an ihrem eigenen Theaterstück getüftelt. Es geht um gesellschaftliche Zwänge, verschiedene Erziehungsstile und um Leistungsdruck. Von Jennifer Gregor und Eva-Maria Lill 

Fragende Gesichter im Konferenzraum der Käthe-Kollwitz-Schule: Auf jedem Sitzplatz liegt ein leicht verkrumpeltes Taschentuch. „Wofür sind die denn?“, will eine verwirrte Zuschauerin wissen. „Falls man weinen oder lachen muss“, erklärt Souffleuse Hrissi augenzwinkernd und verschwindet in Richtung Bühne. Unkontrollierte Gefühlsausbrüche sind im selbstgeschriebenen sozialkritischen Theaterstück „Und was machst du so?“ dann doch eher selten – an manchem Zuschauer geht aber der eine oder andere leichtgängige Witz nicht spurlos vorbei.

In der gut 30-minütigen Aufführung der Erzieherklasse 3FS1 werden drei völlig verschiedene Familien mit einem Obdachlosen konfrontiert. Dabei brechen die Schüler die bestehenden Unterschiede auf klischeehafte Übertreibung und scharfe Pointen herunter. Herausgekommen ist ein unterhaltsames Stück über fatalen Leistungsdruck und entwürdigenden Kapitalismus.

Egal ob autoritärer Parteichef, verschrobener Querkopf oder zugeknöpfter Schnurrbartträger: Mit schrägem Humor und stets sichtbarem Zeigefinger kritisiert das Stück vorherrschende Erziehungsstile und Familienbilder. Dabei fragen die Schüler: „Wie soll ein Mensch Identität entwickeln, wenn kein Raum dafür gegeben ist?“

Kreativität freien Lauf lassen

Die Darsteller haben das gesellschaftskritische Stück über fast sechs Monate hinweg im Deutschunterricht entwickelt. Auch Kostüme, Bühnenbild und Technik entstanden in Eigenregie. „Am Anfang war es besonders schwierig, mit so vielen Leuten gleichzeitig an einem Stück zu arbeiten“, gibt Schüler Sidney Eisert zu.

Zunächst lautete die Aufgabe, verschiedene Textformen auszuprobieren und der eigene Kreativität freien Lauf zu lassen. Als Grundlage diente die Unterrichtseinheit über Laissez-faire, demokratisch-partnerschaftliche und autoritäre Familien. Aus Sonetten und Tagebucheinträgen entstanden nach und nach einzelne Szenen und schließlich das Stück.

Auch Fragmente der ursprünglichen Texte fanden ihren Weg in die fertige Produktion, Schülerin Janaa Veit-Törmänen las diese zwischen den einzelnen Akten vor. Deutschlehrerin Dani Lange hat schnell das Potenzial der selbstverfassten Texte erkannt: „Wir brauchen keinen Goethe, diese Texte sind individuell auf Papier gebracht und mindestens genauso gut.“

Strenge Eltern treiben Sohn in Drogensucht

Gerade im Beruf des Erziehers ist die Verantwortung gegenüber Kindern groß. Das Theaterprojekt bietet allen Beteiligten die Chance, sich selbst und andere Menschen besser kennenzulernen. Die gesammelten Erfahrungen können nach dreijähriger Ausbildung auch im späteren Berufsalltag von Nutzen sein. Lehrerin Lange hebt besonders den gewachsenen Teamgeist hervor: „Plötzlich haben alle gemeinsam diskutiert, das war am Anfang nicht möglich.“

Die 24 Schüler im Alter von 19 bis 43 Jahren haben bereits erkannt, wie schnell Kinder unter Leistungsdruck geraten. Ziel des Stücks ist es, auf das Problem aufmerksam zu machen: „Alles erscheint so lieblos, so antriebslos. Alle sind auf einem Maschinenkurs“, dichtet Schülerin Jessica Gerth in ihrem Ursprungstext. Besonders die Szenen, in denen die Schüler in die Rollen der autoritären Familie schlüpfen, üben Kritik an starren Erziehungsformen.

Die strengen Eltern, gespielt von Sonja Tucker und Martin Kätel, treiben ihren Sohn erst in die Drogensucht, später in den Selbstmord. Was am Anfang noch als launiger Gag mit Koks in Papierrollen beginnt, endet im Desaster. „In vielen Familien steht nicht das Kind, sondern die Leistung im Vordergrund. Eltern finden oftmals keine Balance zwischen den Polen“, erzählt Schülerin Sonja Tucker.

Auf die Frage, was Erziehung eigentlich bedeutet, hat Felix Wich mit Zustimmung der ganzen Klasse die passende Antwort parat: „In der Familie entsteht die erste Bindung, das kann die Chance sein zur absoluten Freiheit oder zum absoluten Zwang.“ Jetzt gilt es, andere Fachbereiche auf das Thema aufmerksam zumachen.

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