Theaterstück über Missbrauch

Worte für Unsagbares

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Wie fasst man seine Gefühle in Worte, wo liegen die eigenen Grenzen? Davon handelt das interaktive Stück der Kompanie Kopfstand. Im Bild: Lisa Scheibner und Helge Gutbrod.

Offenbach - Kindgerecht und interaktiv thematisiert das Stück „Trau dich!“ sexuellen Missbrauch. Es ist Teil einer Bundeskampagne, die Kindern helfen soll, ihre Gefühle zu erkennen und sich anderen anzuvertrauen. Es richtet sich aber auch an Erwachsene. Von Julia Radgen

Luca ist im Schwimmverein und liebt den Sport. Bis sein Trainer einmal während des Umziehens in die Kabine kommt und ihn im Schritt berührt. Luca sagt dies seinem Freund Johannes. Doch weil es ihm peinlich ist, bittet er diesen, es niemandem zu erzählen. „Darf ich Lucas Geheimnis einem Erwachsenen verraten oder nicht? Was würdet ihr machen?“, fragt Johannes die Klasse 6c der Schillerschule, die ihm im Capitol gespannt zuhört.

Johannes Birlinger ist zwar ein erwachsener Schauspieler und das Szenario nur erfunden. Doch das Thema sexueller Missbrauch ist auch in Offenbach Realität. 2014 sind dem Polizeipräsidium Südosthessen in der Stadt elf Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs bekannt; zehn konnten aufgeklärt werden. Das sei eine gute Quote, doch mit einer weit höheren Dunkelziffer sei zu rechnen, sagt der zuständige Kriminaldirektor Klaus Blaesing.

Um Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, wird im Zuge der bundesweiten Kampagne „Trau dich!“ das Theaterstück gezeigt. Es behandelt das Thema behutsam durch Szenen, die nahe am Alltag der Acht- bis Zwölfjährigen sind. Etwa die Geschichte von Alina, die vom Verlobten ihrer Schwester missbraucht wird und es dieser nicht erzählen will. „Ich habe Angst, dich traurig zu machen“, lauten die Worte des Mädchens, das von Schauspielerin Lisa Scheibner dargestellt wird. Das Stück soll Kinder ermutigen, sich Hilfe zu holen.

Die Theatergruppe Kompanie Kopfstand leiht den Gedanken und Ängsten der Kinder ihre Stimme. Auf eine Videoleinwand im Hintergrund werden Aufnahmen mit Kommentaren von Kindern projiziert. Auch die Zuschauer im Capitol dürfen sich beteiligen: Die Schauspieler richten oft Fragen an sie. Die richtigen Worte zu vermitteln, sei wichtiger Bestandteil der Kampagne. „Die Kinder sollen lernen, entsprechende Situationen zu erkennen, zu benennen und mit anderen zu teilen“, erklärt Shirin Boljahn von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

2011 rief die Bundesregierung „Trau dich!“ ins Leben. Das Bundesfamilienministerium und die BZgA entwickelten das Konzept mit lokalen Fachstellen. Offenbach beteiligt sich nach 2014 zum zweitem Mal am Programm. „Es ist unglaublich wichtig, Kinder stark zu machen, damit sie dem Thema Missbrauch mit null Toleranz begegnen“, sagt Stadtrat Felix Schwenke. Aufmersamkeit könne zudem abschreckend auf Täter wirken. „Damit zeigen wir, dass das Thema im Fokus steht“, so Schwenke.

Die Präventionskampagne richtet sich auch an Lehrer, Gruppenleiter und Eltern. „Lehrer müssen wissen, wo sie sich Hilfe holen“, sagt Boljahn. Sie wüssten manchmal nicht, wie sie vorgehen sollten, wenn sie eine entsprechende Beobachtung machten. Eltern hingegen hätten oft Angst, dass ihr Nachwuchs in sozialen Netzwerken an Pädophile gerate, sagt Manfred Menzel von Pro Familia. „An unseren Elternabenden ist Medienkompetenz ein großes Thema“, so Menzel. Solche Veranstaltungen, Fortbildungen und ein gleichnamiges Onlineportal komplettieren das Angebot.

Nachdem das Licht im Saal des Capitols wieder an ist, betreten neue Akteure die Bühne: Mitarbeiter von Beratungsstellen in Stadt und Kreis stellen sich den jungen Zuschauern vor. Dadurch soll ein größeres Vertrauen geschaffen werden. Das ist bei der 6c kaum nötig. „Ich kenne Sie“, ruft ein Junge. Und als sich der Mann als Vertreter von Pro Familia vorstellt, die regelmäßig Schulen besucht, raunt die Klasse wissend auf. Lehrer Renato Stanic fand die Aufführung sehr gut. Was die Schüler mitnehmen, hänge aber auch mit der Nachbereitung zusammen. „Wir werden das in der Klassenstunde und im Ethikunterricht thematisieren.“

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