Therapie gegen den Frust

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Mehr als 150 Ärzte aus kommunalen Krankenhäusern der Region zogen gestern in einem Protestmarsch durch Offenbach und demonstrierten für bessere Arbeitsbedingungen sowie eine leistungsgerechtere Bezahlung.

Offenbach ‐ Der Unmut hat an diesem Vormittag eine Farbe: weiß. Mehr als 150 Krankenhaus-Ärzte demonstrieren gestern in Offenbach gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen und für leistungsgerechte Bezahlung. Von Matthias Dahmer

Am Protestmarsch, der vom Rebentisch-Zentrum am Starkenburgring bis zum Marktplatz führt, beteiligen sich Mediziner unter anderem aus den Kliniken Höchst, Aschaffenburg und Groß-Gerau.

Die auf Plakaten zu lesenden und mit dem Lärm aus orange-farbenen Trillerpfeifen unterlegten Sätze zeugen vor allem von tief sitzendem Frust: „Qualität hat ihren Preis“, „Gute Arbeit, gutes Geld“, ist etwa darauf zu lesen. Oder auch kreativer: „Nachts mach ich’s fast umsonst.“ Der Tatsache, dass für viele mittlerweile wegen der besseren Bezahlung das Ausland ein Alternative ist, wird mit einem „Visit us in England“ kund getan.

Jens Reuter, Assistenzarzt am Klinikum Offenbach und einer der Organisatoren des Ausstands, liefert zum Plakativen einige Details: „Uns geht es um bessere Arbeitsbedingungen und den Abbau der hohen Belastung. Auf die Dauer ist das nicht mehr zu leisten“, sagt er. Auf acht bis zwölf Bereitschaftdienste wird der 32-Jährige im nächsten Monat wohl kommen. Bislang waren es im Durchschnitt sechs. Dabei werden die Ärzte in den kommunalen Kliniken schlechter entlohnt als ihre Kollegen in Häusern unter privater oder kirchlicher Trägerschaft. Dort liege beispielsweise das Einstiegsgehalt für Assistenzärzte rund 400 Euro höher.

Jeden Monat verzicht auf ein Prozent des Gehalts

Streikorganisator Reuter erläutert, warum man dort mehr bezahlen kann: Es handelt sich um Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung. Die nehmen schwere und meist kostspielige Fälle entweder gar nicht an oder verlegen sie mit medizinischer Begründung in Häuser der Maximalversorgung, wie das Klinikum Offenbach eines ist und wo niemand abgelehnt werden darf. „So kann man dort natürlich anders kalkulieren“, sagt Reuter.

Auf 3600 Euro monatliches Brutto-Grundgehalt ist sie anfangs gekommen, berichtet Sandra Caspari. Die 31-Jährige ist seit 2005 Assistenzärztin in der Neurologie. Aus ihren wöchentlich 40 Stunden werden bei einem Wochenend-Dienst schnell 64. Und das zahlt sich nicht mal aus. Im Gegenteil: Für Bereitschaftsdienste gibt’s weder einen Zuschlag, noch wird das übliche Gehalt bezahlt. Je nach Dienststufe sind es zwischen 60 und 90 Prozent. Argument des Arbeitgebers: „Wir würden bei den Bereitschaftsdiensten sowieso nur schlafen“, sagt Caspari.

Für die Offenbacher Ärzte kommt hinzu, dass sie aufgrund eines seit Jahren geltenden Sanierungstarifvertrags zum Wohle des angeschlagenen Klinikums jeden Monat auf ein Prozent ihres Gehalts verzichten.

Kein Wunder, dass viele Nachwuchs-Mediziner im besser zahlenden Ausland ihre Zukunft sehen, viele Stellen hier unbesetzt bleiben. Auch Assistenzärztin Caspari hat schon mehrfach ans Abwandern gedacht. Der Freundeskreis hier und ihr Partner haben sie bislang davon abgehalten. Bei aller Verbitterung über die Arbeitsbedingungen hat sie sich im übrigen ein Rest dessen bewahrt, was den Beruf zur Berufung macht: „Ich habe studiert, um Patienten zu helfen. Ein Job in der Wirtschaft käme für mich nie in Frage.“

Ein Oberarzt, der kurz aus der Reihe der marschierenden Protestler ausschert und namentlich nicht genannt werden möchte, weist übrigens darauf hin, dass die geforderten Gehaltssteigerungen nicht unmittelbar aus den kommunalen Haushalten bezahlt werden müssen.

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