Orkide Nacioglus Kompetenz ist Mehrsprachigkeit

Therapie für Kinder und Schlaganfallpatienten: Spiel für die Worte

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Spielerischer Umgang mit Sprachstörungen: Logopädin Orkide Nacioglu mit der vierjährigen Selin, die wie viele Kinder gern in die Therapie kommt.

Offenbach - Der „Tag der Logopädie“ (6. März) steht im Zeichen der Mehrsprachigkeit. Wie viele Facetten dieses Thema selbst abseits der Flüchtlingsdebatte hat, zeigt ein Besuch bei Orkide Nacioglu. Von Christian Wachter

„Welcher der beiden ist denn der Opa?“, fragt Orkide Nacioglu die vierjährige Selin. Das Mädchen zeigt zielsicher auf die Holzfigur mit den grauen Haaren. Schwieriger wird es, als sie die kleine Badewanne im Puppenhaus suchen soll. Und auch als Nacioglu sie fragt, was die anderen Figuren machen, hat Selin ihre Probleme. „Die Papa schlaft“, erzählt sie. Nacioglu ist gelernte Kinderpflegerin und hat nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Logopädin gemacht. Auf Kinder wie Selin ist sie spezialisiert. Das Kind wächst mehrsprachig auf, lernt Türkisch und Deutsch - genau wie Nacioglu, die als Kind zudem Arabisch lernte. Seline versteht in beiden Sprachen zwar vieles, hat aber beim Deutschsprechen Probleme. Kinder die bilingual aufwachsen, so Nacioglu, sollten mit zwei Jahren mindestens 50 Wörter können, auch wenn eine gewisse Verzögerung in Ordnung sei. „Man darf die Logopädie auch nicht mit einer Sprachförderung verwechseln, vielmehr ist es eine Therapie“, erzählt die 25-Jährige. So hat das Spiel mit den Figuren und den Puppen einen ernsten Hintergrund. In der Fachterminologie ist von expressiver und rezeptiver Überprüfung die rede, wenn kontrolliert wird, ob ein Kind Wörter verstehen und abrufen kann. Förderungsmaßnahmen, erläutert Nacioglu, etwa in der Vorschule, könnten sogar hinderlich sein, weil sie die Kinder teils überforderten.

Die Gründe für eine solche Störung können vielfältig und sowohl organischen - etwa eine Schwerhörigkeit - als auch psychologischen Ursprungs sein. Gerade in letzterem Fall werden die Kinder dann zu logopädischen Praxen wie der von Anita Lotz verwiesen, in der Nacioglu angestellt ist. Auch Kinder, die regelmäßig grammatikalische Fehler machten, Ausspracheprobleme hätten oder ein nicht altersgemäßes Sprachverständnis aufweisen würden, könnten therapiebedürftig sein, so die Logopädin. Ohne die Hilfe der Eltern aber sei es schwer, Resultate zu erzielen. Wichtig sei es etwa, dem Kind so genannte Sprachinseln anzubieten. Das meint, dass die beiden Elternteile jeweils nur in einer Sprache mit dem Kind kommunizieren. Orte, Figuren oder Geschichten und Spiele können genutzt ebenfalls werden, um dem Kind die Sprache zu verinnerlichen.

Auch wenn die Mehrsprachigkeit ihrer Therapeutin Selin sicherlich hilft - behandelt werden könnte ihre Störung wohl auch von einem Logopäden, der des Türkischen nicht mächtig ist. Anders sieht das bei Nacioglus zweitem Spezialgebiet aus: der Aphasie. Eine schwere Form der Kommunikationsstörung, die beispielsweise nach einem Schlaganfall auftritt. Betroffene haben oft große Probleme beim Lesen, Schreiben, Sprachverstehen und Sprechen.

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Bei Menschen, die mehrsprachig aufgewachsen sind, sei die Fremdsprache dann viel störanfälliger als die Muttersprache, erklärt Nacioglu. „Durch die mangelnde Kommunkationsfähigkeit fühlen sie sich häufig isoliert und werden als dumm eingestuft“. Der Weg zurück ins soziale Leben, funktioniere am besten über eine Therapie, die sich auf eine Sprache konzentriere. Vereinfacht erklärt, besteht die Ursache darin, dass es zur Muttersprache eine emotionalere Bindung gibt. „Hier kann ich Menschen beistehen, die mit der türkischen Sprache aufgewachsen sind; leider wissen diese oft nicht, an wen sie sich wenden können.“

Dass Nacioglu mit dieser Spezialisierung allein auf weiter Flur steht, zeigt schon ihr Einzugsgebiet: An drei Tagen in der Woche ist sie in der Offenbacher Praxis von Anita Lotz, die anderen beiden nutzt sie für Hausbesuche rund um ihre unterfränkische Heimat Erlenbach herum. Auch die Betroffenen in Aschaffenburg, so Nacioglu, benötigten schließlich Hilfe.

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