Erlebnisse mit einem Hauskauf zwischen zwei Buchdeckeln verarbeitet

Blauäugig an den Abgrund

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Offenbach - Anfang der 70er Jahre war der ARD-Mehrteiler „Einmal im Leben“ ein Renner. Der Zuschauer erlebte, wie sich die fiktive Familie Semmeling den Wunsch nach den eigenen vier Wänden erfüllt. Bei dem Projekt geht so ziemlich alles schief, was schief gehen kann. Von Martin Kuhn

Zwar nicht mit dem Hausbau, dafür mit dem Hauskauf erlebt gut 40 Jahre später Thorsten Fiedler einiges. Er schreibt’s auf. Als eine Art Therapieansatz. Der Offenbacher lässt den geneigten Leser, oder noch besser: den geneigten Käufer einer Immobilie, auf gut 200 Seiten teilhaben. Es ist ein Buch, das ganz sicher nicht zum Portfolio eines Maklers gehört. Dafür sollten alle anderen zumindest mal darin blättern. Fiedler schreibt locker, in einer klar verständlichen Sprache mit einem gehörigen Hauch Ironie. Und eigentlich kann man’s nicht glauben. Ist doch alles erfunden? „Leider nein“, sagt Fiedler, der in Offenbach sein Abitur abgelegt hat und heute als Vorstandsvorsitzender für ein mittelständisches Unternehmen tätig ist.

Wie so jemand sogenannten Mietnomaden aufsitzen kann, ist zwar rätselhaft. Aber offenbar nicht außergewöhnlich. Das erfährt der Autor, nachdem sein Buch an Popularität gewonnen hat. „Es gab viele Zuschriften mit dem Tenor: Da habe ich noch was für Sie.“ Und die Aufforderung, ganz dringend einen zweiten Band nachzulegen. Aber dazu später mehr... Das verspricht Fiedler häufiger und löst es hinterher ein. Seine Aufzeichnungen zwischen den beiden grellgrünen Buchdeckeln beginnen freilich anders: „Alles fing total harmlos an, sodass es im Nachhinein kaum zu glauben ist, wie dieser schöne Sommertag Grundlage für eine jahrelang andauernde Leidenszeit werden konnte.“

Aber warum investiert man überhaupt in Betongold, setzt auf die vermeintliche Sicherheit von Immobilien vor Wertverfall? Es gibt auch andere Ansätze, sein Geld anzulegen. Aber Aktien sind für viele zu spekulativ, Lebensversicherungen werfen kaum Rendite ab. „Für uns schien es die beste Lösung zu sein...“ Und die zeichnete sich für das Ehepaar 2005 ab. Was folgt, sind die bitteren Erfahrungen mit Mietern, von denen es viele gute, aber auch weniger  gute gibt. Und oben drauf die Miet-Nomaden. Nach diversen Rückmeldungen ist Thorsten Fiedler überzeugt, dass dieses Phänomen weit mehr Vermieter trifft, als man ahnt. „Aber vielleicht nicht so heftig, so geballt.“  Während die meisten die teure Angelegenheit zu den Akten legen, haut der Offenbacher in die Tastatur. Realsatire vom Feinsten:

„Was uns schlussendlich dazu bewog, mit unserem Gegenüber einen Mietvertrag abzuschließen, wird wohl bis in alle Ewigkeit eine Fehlentscheidung bleiben. Ein bisschen gruselig hat er schon ausgesehen mit seinen stechenden Augen und dem nur partiell vorhandenen Gebiss und von ,seriös’ war er ungefähr so weit weg wie unsere hessische Kleinstadt vom Äquator. Aber was war es dann, das uns veranlasste, ausgerechnet diesen Herrn auszuwählen? Es war ganz einfach – er war der letzte übrig gebliebene Mietinteressent.“ Während im Buch lediglich von einem Städtchen in Mittelhessen die Rede ist, scheut sich der Offenbacher mittlerweile nicht mehr, den Ort zu nennen: Schlüchtern. Das hat zwei Gründe. Via öffentlich zugänglicher sozialer Medien offenbarte eine indirekt Beschriebene den Ort in diversen Beiträgen. Und das Hessen-Fernsehen recherchierte sich bis vor die Haustür des Sechs-Parteien-Hauses.

Brücken zwischen Inseln: Neues im vernetzten Heim

Davor war der Weg zum Buch ein weiter gewesen. Als das Manuskript fertig ist, folgt das Klinkenputzen bei den Verlagen. „Das Thema muss doch interessieren“, denkt sich Thorsten Fiedler. Antworten: vermerkte Manuskript-Eingänge – wenn überhaupt. Also wird er sein eigener Verleger. Als er bei einem bekannten Buchdrucker 1000 Exemplare im festen Einband ordert, bittet dieser ihn geradezu flehentlich. „Ich verdiene gern Geld. Aber tausend Stück? Schlaf’ lieber noch mal drüber.“ Das macht der Offenbacher und ordert am nächsten Tag: „2500!“ Auf der Frankfurter Buchmesse darf er sein Buch in einer Wand mit Werken freier Autoren platzieren. Als er vor den Regalen steht, merkt er: Das fällt nicht auf. Also tauscht Fiedler Hemd, Krawatte und Anzug gegen ein T-Shirt, auf dem der Buchtitel grell-grün leuchtet: „Der Nomade im Speck.“ Das und der Umstand, dass jemand so auf der weltgrößten Fachmesse wirbt, weckt das Interesse eines Fernsehteams. Am Ende steht ein halbminütiger Beitrag im ARD-Morgenmagazin. Seitdem läuft’s.

Inzwischen hat Fiedler einen Verlag gefunden. „Mainbook“ hat die erste Taschenbuch-Auflage auf den Markt gebracht, nachdem das Hardcover reißenden Absatz fand. Das zweite Buch ist in der „Mache“ – allerdings mit einem gänzlich anderen Sujet. Ratschläge will Thorsten Fiedler möglichen Immobilienkäufern nicht geben, er sagt lediglich: „Die Menschen sollen lesen und überlegen, was sie tun oder nicht.“

Die Problem-Immobilie in Schlüchtern hat Fiedler übrigens verkauft. Investiert hat er nun in Offenbach: „Ausgewählter, für mich fußläufig zu erreichen. Bislang ohne größere Probleme.“ Was er heute weiß: Es gibt schwarze Listen, in denen Mietnomaden eingetragen werden.

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