Trauerexpertin hilft Herrchen

Abschied vom besten Freund

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Susann Scherschel-Peters ist eine fröhliche Frau, die aber ernste Themen nicht scheut. Immer treu an der Seite der Trauerbegleiterin ist seit mehr als 14 Jahren die Yorkshire-Hündin „Baby“.

Offenbach - Die Yorkshire-Terrier-Hündin Baby sitzt zufrieden auf dem Schoß ihres Frauchens. Susann Scherschel-Peters streichelt ihr übers Köpfchen, erntet einen treuen Blick aus großen Knopfaugen. „Zwischen uns war es Liebe auf den ersten Blick. Von Veronika Szeherova

Ich würde mir wünschen, dass sie ewig leben möge“, sagt die Tierfreundin. Noch ist die 14-jährige Hündin fit und gesund. „Es beschäftigt mich aber doch, dass sie wohl nicht mehr so viele Jahre vor sich hat. “ Aber wenn es so weit ist und sich Scherschel-Peters von ihrem Hundchen verabschieden muss, wird sie wissen, wie sie damit am besten umgeht: Sie ist ausgebildete Trauerbegleiterin mit dem Schwerpunkt Trauer um Haustiere.

Schon früh wurde sie mit dem Thema Tod konfrontiert. Beide Eltern kamen ums Leben, als sie gerade mal drei Jahre alt war. Aufgewachsen ist die gebürtige Mühlhausenerin bei ihren Großeltern auf einem Bauernhof. „Ich hatte eine glückliche Kindheit dort, und Tiere gehörten immer dazu“, sagt sie und lächelt. Vom Wellensittich bis zum Pferd – sie hatte zu allen ein inniges Verhältnis. „Wenn ein Tier starb, war es jedes Mal schlimm für mich“, erzählt die 37-Jährige. „Meine Großeltern haben aber offen mit mir darüber gesprochen und mir kindgerecht beigebracht, dass das Sterben zum Leben gehört.“

„Es kam alles auf einmal“

Als die Familie in eine Stadtwohnung zog und sich von den meisten Tieren trennen musste, war es für sie nicht leicht. „Auch wenn man ein Tier verkauft, ist das mit Trauer verbunden“, weiß Scherschel-Peters. Dass sie schon früh mit vielen Verlusten konfrontiert wurde, sieht sie heute als Stärke an.

Vor 13 Jahren ist die Diplom-Pädagogin nach Hessen gezogen, der Liebe wegen. Damals wohnte sie in Raunheim, knüpfte erste Kontakte zu Offenbach durch eine befristete Stelle im Außendienst bei der Agentur für Arbeit. 2006 geriet zum Schicksalsjahr. „Es kam alles auf einmal, die Trennung von meinem Lebensgefährten und der Tod meiner Oma.“

Sie fiel in ein Loch: „Im Grunde war nur mein Hund übrig. Damals habe ich ständig mein Leben hinterfragt, mir aber keine Zeit zum Trauern gegeben.“ Sie suchte sich neue Arbeit, lenkte sich ab. „Heute weiß ich, dass man gerade im Trauerprozess keine tiefgreifenden Veränderungen in seinem Leben vornehmen sollte“, so Scherschel-Peters. „Dann findet man keinen Abschluss, das Loch wird noch tiefer.“

Gesellschaft macht es trauernden Tierbesitzern zusätzlich schwer

Ab 2007 ging es wieder aufwärts. Sie kehrte zurück zur Offenbacher Arbeitsagentur, wo sie bis heute hauptberuflich als Arbeitsvermittlerin tätig ist. Und schließlich verwirklichte sie die Idee, ihre Erfahrungen mit dem Tod professionell anzugehen: „Ich machte nebenbei ein Fernstudium, psychologische Beraterin mit Schwerpunkt Trauerarbeit, das ich im März 2010 abschloss.“ Eine spezielle Ausbildung zur Tier-Trauerbegleiterin gibt es nicht, doch ihre Abschlussarbeit schrieb sie bei freier Themenwahl über Trauer um Tiere. „Der Trauerprozess ums Tier ist identisch wie um einen Menschen“, sagt Susann Scherschel-Peters. „Die Entscheidung, ein Tier einschläfern zu lassen, verlängert den Prozess.“

Die Gesellschaft mache es trauernden Tierbesitzern oft zusätzlich schwer. „Sie werden belächelt, ihre Gefühle nicht ernst genommen“, weiß die Expertin. „Dabei ist es für viele Menschen nicht ,nur‘ ein Tier, sondern ein Familienmitglied und der einzige Antrieb und Freund.“ Das könne man nicht so einfach wegstecken. „Auch in der Tier-Trauerarbeit sind mehrere Phasen zu bewältigen, Verdrängen bringt nichts.“

Literatur zum Thema ist rar

Einmal monatlich trifft sie sich mit Tierbesitzern zur Selbsthilfegruppe in einer Raunheimer Gaststätte. Die meisten trauern um Hunde oder Katzen, einige um Hamster oder Sittich. Manche kommen nur einmal, andere regelmäßig. Es sind viel mehr Frauen als Männer.

„Ich empfehle jedem, einen Ort für seine Trauer zu finden“, sagt Scherschel-Peters. „Ein Platz, den man mit Erinnerungen ans Tier versieht, der einem ganz allein gehört, an dem man den Schmerz zulassen kann.“ Sie betreut nebenbei ein Trauerforum im Internet, arbeitet als Dozentin an Paracelsus-Schulen. Im Herbst leitet sie einen Kurs an der städtischen Volkshochschule.

Literatur zum Thema ist rar. „Vor allem Bücher mit praktischen Tipps fehlen“, weiß die Frischverheiratete. Deshalb schrieb sie den Ratgeber „Abschied vom geliebten Haustier“, in den ihr praktisches und akademisches Wissen einfloss. „Es sind Anregungen zur aktiven Trauerbewältigung, konkrete Tipps, verständlich formuliert.“ Das 152-seitige Büchlein erschien im Dezember. Und sie hat Blut geleckt. Mittlerweile arbeitet sie an einem Lehrbuch.

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