Nach tödlichem Überholmannöver

Eine beharrliche Fahndung

Offenbach - Sonntag, 12. August: Gegen 21. 15 Uhr wird der 17-Jährige auf der Offenbacher Straße überholt und abgedrängt. Er stürzt mit seinem Roller, zieht sich tödliche Verletzungen zu. Von Martin Kuhn

„Die Bestürzung und Anteilnahme war groß“, erinnert sich Polizeidirektor Peter Liebeck bei der Vorstellung der Verkehrsunfallstatistik. Was ihn und seine Kollegen sicher wurmt: Bei den Ermittlungen sind sie noch nicht entscheidend weitergekommen; trotz wiederholter Aufrufe und einer von der Staatsanwaltschaft ausgesetzten Belohnung, die für einen solchen Unfall (offizieller Tatbestand: fahrlässige Tötung) außergewöhnlich hoch ist: 2500 Euro.

Leere Hände trotz akribischer Suche

Im gängigen Fernseh-Formaten erscheint die Polizeiarbeit nach Unfallfluchten stets simpel: Spurensicherer kratzen Lackreste zusammen, die binnen Stunden zu einem Verdächtigen führen. Dann heißt es: Täter geschnappt! In der realen Polizeiarbeit ist’s oft mühsamer, speziell nach der Todesfahrt am 12. August. „Trotz akribischer Suche“, so Polizeisprecher Henry Faltin, steht das Zentralkommissariat 42/43 mit leeren Händen da. Die sogenannte Tatortspurengruppe lokalisiert weder Lackpartikel des Unfallwagens noch Reifen-, oder gar Bremsspuren. Faltin: „Es gab keinerlei Kontakt. Allein aufgrund der Schleuderspuren des Rollers konnten die Kollegen den Unfallhergang rekonstruieren.“ Im Bericht ist das vermerkt unter „Keine Sachbeweise“.

Während des Pressegesprächs gewährt Liebeck ungewöhnlich offen Einblicke in die Polizeiarbeit. So wurde im Sommer 2012 eine „Funkzellenauswertung“ vorgenommen, wie sie allenfalls aus dem Fernsehen bekannt ist und die als sensibel gilt.

Zur Erklärung: Als Funkzelle wird die Zone bezeichnet, in der das von einem Mobilfunk-Sendemast ausgehende Signal empfangen wird. Die lokalen Fahnder schauten genau hin, welche Mobilfunktelefone zur Unfallzeit rund um Bürgel eingeloggt waren. Aber selbst dies führte zu keiner konkreten Spur – obwohl ein Handy dabei bis auf wenige Meter genau zu orten sein soll.

Unfallfluchtgruppe auf Zeugenaussagen angewiesen

Daher ist die Unfallfluchtgruppe nach dem Tod des Bürgelers allein auf Zeugenhinweise angewiesen. Faltin: „Ein sensibles Feld.“ Stimmen einzelne Aussagen überein? Widersprechen sie sich? Entscheidend: Wonach sucht man überhaupt? Auf dem offiziellen Fahndungsplakat heißt es vage: „Bei dem Fahrzeug des Unfallverursachers soll es sich um einen roten Kleinwagen mit der Werbeaufschrift eines Pizza-Lieferdienstes handeln.“

Bilder vom tödlichen Überholmanöver

Rollerfahrer (17) stirbt bei Überholmanöver

Noch ist die Akte geöffnet; schließen kann sie die Staatsanwaltschaft, wenn alle Spuren versanden. Aber selbst das darf den flüchtigen Todesfahrer – falls das überhaupt möglich ist – nicht ruhiger schlafen lassen: Nach Hinweisen kann eine Akte wieder geöffnet werden...

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