Torjubel mit Finger bezahlt

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Ein Fan bis ins Krankenbett: Auch mit nur noch neun Fingern bleibt Karl-Christoph Sachs seinen Kickers treu.

Offenbach ‐ Das unfreiwillige Opfer des Karl-Christoph Sachs war nicht umsonst. Zwar ist die statistische Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung gering, doch will man ein Unglück, wie es den OFC-Fan aus Biebergemünd ereilte, für die Zukunft ausschließen. Von Thomas Kirstein

Niemals mehr möge jemand seine überschwängliche Freude über ein Kickers-Tor mit dem Verlust eines Fingers bezahlen müssen, wie es dem Kalli Sachs passiert ist. Die stählernen Zäune, die Zuschauer vom Spielfeld fern halten, sollen „fanfreundlicher“ werden.

OFC-Vizepräsident Thomas Kalt habe ihm versprochen, sich auf dem Markt nach sichereren Absperrungen zu erkundigen, berichtet Sachs. Bei der mit dem Neubau der Sportanlage auf dem Bieberer Berg betrauten städtischen Stadion GmbH werde man diesen Aspekt gewiss berücksichtigen, verspricht Stadtwerke-Holding-Sprecherin Regina Preis.

Und die als „Interessengemeinschaft Stadion Neubau“ in die Planung eingebundenen Fans haben ihren Verein aufgefordert, zu entfernen, was dem hauptamtlichen Bewährungshelfer seine Behinderung eingebracht hat: Fatal wirkten sich die etwa drei Zentimeter über die letzte Querstrebe hinausragenden Enden der senkrechten Gatter-Stäbe aus.

Es geschieht in der Nachspielzeit am 11. September 2010

Es geschieht in der Nachspielzeit der Heimbegegnung der Kickers gegen den VfR Aalen. An diesem 11. September 2010 fiebern Kalli Sachs und sein zehnjähriger Sohn Benjamin in der Ostkurve unterhalb der Henninger-Sitztribüne mit. Bis zur 93. Minute steht es 1:0 für den OFC, dann setzt Torjäger Olivier Occean noch eins drauf. Kalli ist außer sich vor Freude und macht, was seit jeher zum Jubel-Ritual in der ersten Stehplatzreihe gehört: steigt auf den halbmeterhohen Betonabsatz, zieht sich mit links am Zaun hoch, seine Rechte wedelt mit der Stadionzeitung. So wie bei vielen Gelegenheiten unfallfrei in den 35 Jahren, die er schon auf den Bieberer Berg geht. Diesmal aber rutscht der 50-Jährige ab, eine unglückselige Kombination aus Ehering und überstehenden Enden wird ihm zum Verhängnis.

Der Goldreif verhakt sich am Stahl, gibt nicht nach, als 80 Kilogramm Lebendgewicht der Erdanziehung ausgesetzt sind. Man beschreibt besser nicht allzu detailliert, was folgt. Die Mediziner sprechen jedenfalls von einer „Enthülsung“. In der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt muss amputiert werden, was vom Finger übrig geblieben ist. Wegen Komplikationen ist später eine Nachoperation nötig, Sachs ist acht Wochen krankgeschrieben, bis er sich wieder fürs Amtsgericht Offenbach seinen straffällig gewordenen Klienten widmen kann.

Zehnjähriger Sohn will momentan nichts mehr vom Bieberer Berg wissen

Fan Kalli mag sich jetzt nicht vorhalten lassen, dass diese Zäune ja auch nicht zum Hochklettern gedacht seien: „Guckt euch doch mal die Bilder in unseren Stadionzeitungen an - lauter feiernde Fans auf den Zäunen, sogar Kinder, da macht sich keiner Gedanken!“

Sein Zehnjähriger, der das blutige Missgeschick miterleben musste, will momentan nichts mehr vom Bieberer Berg wissen. Der Papa haderte bis vor kurzem noch mit seinem Verein, weil der es nicht für nötig gehalten habe, wenigstens Genesungswünsche zu schicken. Aber jetzt hat sich ja Thomas Kalt gemeldet. Vielleicht wird’s sogar was mit einem Trostpflästerchen: „Ich könnte mir vorstellen, dass mein Sohn wieder mitgeht, wenn er mal auf die VIP-Tribüne eingeladen wird und ein Originaltrikot vom Occean bekommt...“

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