Fackeln und Fachpersonal

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Nicht eingeplante Romantik - offenes Feuer, weil’s im November früh dunkelt.

Offenbach - Leben und sterben lassen – nach dem James-Bond-Streifen „Live an let die“ hat der kürzlich als „Kreativpilot Deutschlands“ preisgekrönte Organisator Loimi Brautmann seine Stadttour zum Neuen Friedhof betitelt. Von Claus Wolfschlag

An Ort und Stelle überlässt er die Übermittlung zahlreicher Informationen zum Thema Sterben und Totenkult dem Fachpersonal. Da der Termin im Sommer festgelegt wurde, hatte man den frühen Einbruch der Dunkelheit im November übersehen. So gab es kurzerhand Fackeln, was dem Rundgang unbeabsichtigt mystischen Charakter verlieh.

Gabriele Schreiber, Leiterin der städtischen Friedhöfe, berichtete, dass das waldähnlich angelegte Areal seit 1939 als zentrale Grabanlage der Stadt dient. Verschiedene Kulturen und Religionen zeigten dort mittlerweile ihre Bestattungspraktiken.

Symbolinschriften der Grabsteine

Der jüdische Teil des Friedhofs ist äußerlich bis auf die Symbolinschriften der Grabsteine europäisiert. Allerdings werden die dauerhaft bestehenden Gräber per Hand verschlossen, also ohne Baggereinsatz, worauf die jüdische Gemeinde großen Wert legt. Seit 2000 existiert zudem ein muslimisches Gräberfeld, da viele Einwanderer ihre Eltern nach dem Ableben nicht mehr ins Heimatland überführen. Nach der Tradition soll der Leichnam direkt mit Erde bedeckt werden. Da in Deutschland aber Sargpflicht herrscht, hat man sich auf einen Kompromiss geeinigt: Der Sargdeckel wird nicht geschlossen, der Kopf in Richtung Mekka gedreht.

Äußerlich aufwändiger präsentieren sich die bislang noch wenigen Grüfte, die sich vor allem bei traditionell mobilen Bevölkerungsteilen großer Beliebtheit erfreuen. Hier wird dem Verstorbenen, der nicht mit Erde bedeckt sein möchte, letztmalig ein Haus gebaut. Im dichten Metallsarg findet kein Verwesungsprozess statt. Der Verstorbene mumifiziert. Eine Gruft kostet bei einer Laufzeit von bis zu 50 Jahren bis zu 30.000 Euro.

Bei der deutschen Bevölkerung wird hingegen die Feuerbestattung immer beliebter. Mancherorts werden Quoten von 60 Prozent erreicht. Die Beisetzung in der ökologisch abbaubaren Urne ist in Offenbach sowohl im kleinen Einzelgrab möglich als auch für 680 Euro unter einem Baum. Die Verwaltung versucht damit der zunehmenden Konkurrenz von Friedwäldern zu begegnen.

„Für die Toten wollen die Leute aber nichts mehr ausgeben“

Die gelten auch als preiswerte Alternative. „Viel Geld wird heute für Hochzeiten ausgegeben, obwohl mittlerweile jede dritte Ehe geschieden wird, für die Toten wollen die Leute aber nichts mehr ausgeben“, meint Gabriele Schreiber. Dazu passe, dass immer billigere Sargmodelle gewählt würden.

Die Tour führt zum Feld der Offenbacher Bombenkriegs-Opfer, für die Chefin der beeindruckendste Platz des Friedhofs. Noch nach über 60 Jahren kommen Verwandte und Bekannte und stellen dort Kerzen und Blumen auf. Unweit ist der seit 2000 bestehende „Hain der Ungeborenen“ für nicht bestattungspflichtige Embryos eingerichtet worden.

Im Vorbeigehen erklärt Gabriele Schreiber die Bedeutung der Punkte auf den Grabsteinen: „Bei ,Gelb’ ist das Nutzungsrecht abgelaufen, ,rot’ markierte Steine sind nicht mehr standsicher. ,Blau’ steht für mangelnde Pflege, und diese Tendenz nimmt leider zu, wird aber weniger von uns verfolgt.“

Dann übernimmt Werner Hornof, Betriebsleiter des Krematoriums. 20 bis 30 Einäscherungen finden täglich in Offenbach statt. Oft werden Tote nur in Offenbach verbrannt, während Trauerfeier und Beisetzung in anderen Gemeinden stattfinden. Für die oft auswärtigen Bestattungsunternehmer wurde somit extra ein gemütlicher Kaffee-Raum mit Aquarium eingerichtet. Da die Totenverbrennung seit 2003 keine hoheitliche Aufgabe mehr ist, musste sich das Offenbacher Krematorium gegen private Konkurrenz, etwa in Obertshausen, behaupten. Anfänglich kam es zu Kundeneinbrüchen von 80 Prozent. Mittlerweile habe man durch solide Arbeit aber den Standort sichern können.

Schutzkleidung gegen mögliche Krankheiten

Hornof führt durch Frostzellen, Trauerräume sowie den heute für rituelle Waschungen und Identitätsermittlungen genutzten Sezierraum. Er berichtet von der steigenden Tendenz erst spät entdeckter Toter in anonymen Hochhaussiedlungen und von der teils harten Arbeit der Mitarbeiter: von Schutzkleidung gegen mögliche Krankheiten, die von Leichnamen ausgehen könnten, von den ganz unterschiedlichen Reaktionen der Hinterbliebenen, von psychologischer Betreuung für diese und für Mitarbeiter.

Makabres Detail: Der zunehmende Trend zur Dickleibigkeit mit entsprechend längerer Brenndauer zwingt zur Umrüstung der Anlage. Jede Woche werden mittlerweile durchschnittlich drei Tote mit einem Gewicht von 250 Kilo angeliefert, die kaum in einen normalen Sarg passen.

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