Totenwache für Plastinate

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Dekanin Eva Reiß und Gemeindepädagogin Stephanie Ludwig hatten vor dem Altar ein schlichtes Holzkreuz auf schwarzen Seidenstoff niedergelegt und mit einer Dornenkrone bedeckt.

Offenbach ‐ Gunther von Hagens umstrittene „Körperwelten“, die gegenwärtig in einer Halle des Goldpfeil-Anwesens an der Kaiserstraße zu sehen sind, beschäftigen die evangelischen Christen der Stadt auch an den Feiertagen. Von Reinhold Gries

Ihr Dekanat hat es nicht beim einmaligen verbalen Protest gegen die Ausstellung konservierter Leichen bewenden lassen: Was am Karfreitag fast zehn Stunden lang in Offenbachs Stadtkirche passierte, ging vielen Teilnehmern unter jene Haut, die von Hagens’ „Plastinaten“ in der innerstädtischen Ausstellungshalle fehlt. Ab 10 Uhr wurde auf Initiative des Dekanats eine Totenwache gehalten, wie es sie in Offenbach noch nicht gegeben hat. Vor dem Altar hatten Dekanin Eva Reiß und Gemeindepädagogin Stephanie Ludwig ein schlichtes Holzkreuz auf schwarzen Seidenstoff niedergelegt und mit einer Dornenkrone bedeckt, geflochten vom Offenbacher Floristenmeister Johannes Kitzinger.

Machen Sie sich selbst ein Bild von der Ausstellung:

„Körperwelten“ in Offenbach

Nach Taizé-Gesang und Gebet im Stundentakt sowie einem Gottesdienst gipfelte der meditativ-künstlerische Protest gegen „blasphemische, kommerzielle Präsentation nicht bestatteter Toter“ (Eva Reiß) in einem vierstündigen Wechsel von Gebetslesung und Passionsmusik. Diplompädagoge Jörg Engelmann, Leiter der Erwachsenenbildung in Stadt und Kreis, klagte: „Gott, es tut uns weh, zu wissen, dass tote Menschen hier in Offenbach ausgestellt und zum Objekt geworden sind. Lass die Fragen nach ihrem Leben und Sterben nicht verstummen.“

Pfarrerin Reiß verstärkte das in ihrem Schlusswort: „Gott, du hast keine Mühe, kein Leiden, nicht einmal den Tod gescheut, um zu uns zu kommen… Wer trauert um die Toten in der Ausstellungshalle? Wir erschrecken darüber, dass ihr Leben und ihr Tod zum Material für andere Menschen geworden ist… Weder Ausstellungen noch Plastinatoren können uns von Gottes Liebe trennen.“ Besucher und Teilnehmer der Aktion sahen das ähnlich. Jochen Zietlow, Mitglied der Offenbacher AG Seniorenrat: „Wo ist bei dieser Leichenschau der Rest an Achtung für das Menschsein? Die letzte Intimität, die uns bleibt, verkommt zum Gegenstand eines Jahrmarkts.“

Wut und Trauer über „unerträgliche Ausstellung“

Konzertgitarrist Rudolf Klemisch beschrieb inneren Wandel: „Am Anfang interessierte ich mich durchaus für den Körperwelten-Katalog. Vor Ort fand ich das aber komplett würdelos, was man hier aus Menschen macht.“ Musikerkollegen wollten Wut und Trauer über die „unerträgliche Ausstellung“ Ausdruck verleihen. Dekanatskirchenmusiker Tobias Koriath ließ die Orgel zum Choral „Alle Menschen müssen sterben“ donnern. Bach-Kompositionen wechselten mit Improvisationen. Pianistin Rozana Weidmann griff bei Bachs italienischem Konzert und seinen Goldberg-Variationen mal gefühl-, mal kraftvoll in die Tasten ihres Flügels. Offenbachs Spitzensopranisten Johanna Krell sang „Lieder vom Leben und Tod“.

Wir haben uns bei der Ausstellung umgesehen - und ein Video gedreht.

Die hatten, da waren sich die Teilnehmer in der Stadtkirche einig, Seele, Tiefe und Wärme - alles Qualitäten, die sie bei der Plastinationsschau vermissen. Die musikalische Osterbotschaft sollte da ansetzen, wo Worte nicht mehr ausreichen.

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