Tradition in neuem Gewand

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Adelige Gardetänzer: Die „Prinzliche Hofgarde Ober-Roden“ mit einer Premiere.

Lederanien ‐ Liegt's daran, dass die mehr als 600 Besucher zuvor drei Stunden auf ihren Stühlen saßen? Vermutlich nicht. Eher schon an dem etwas füllig gewordenen älteren Herrn mit dunklem Anzug und rotem Einstecktuch. Er sorgt dafür, dass sich ein bis dahin brav zuhörendes Publikum binnen zwei Minuten in eine begeistert tanzende Menge verwandelt. Von Matthias Dahmer

Samstagabend kurz vor 23 Uhr in der Stadthalle. Draußen zaubert der Schnee eine Winterlandschaft, drinnen Tony Marshall brodelnde Stimmung beim „Feuerwerk der guten Laune“, der Jubiläumsfeier des 75 Jahre alten Offenbacher Karnevalvereins (OKV). Mit dem nur vier Jährchen jüngeren Sänger, dessen Stimme nicht nach übermäßigem Genuss von Kamillentee klingt, gehen sofort die „Hände zum Himmel“, er lässt es mit seiner „Schönen Maid“ gleich zu Beginn richtig krachen. Der Schlagerbarde ist Höhepunkt eines fein komponierten und sich langsam steigernden Programms, das sich die Dachvereinigung der Offenbacher Narren für diesen Abend ausgedacht hat.

Mehr Bilder von der Sitzung des OKV:

Jubiläumsfeier des OKV in der Offenbacher Stadthalle

Nachdem der „Till“ in Person von Karl-Heinz Eitel reimend durch ein Dreivierteljahrhundert OKV-Geschichte gereist ist, bekommt das Zeremonielle seinen Platz auf der überwiegend in schwarz und rot dekorierten Bühne: Abschied vom 2009er Prinzenpaar Melanie Böff und Simon Isser, der später wortgewandt durchs Programm führt, Grußworte von der IG Mittelrheinischer Karneval aus Mainz und als erste Attraktion des Abends die Krönung der neuen Regenten.

Als Zeichen der „Würde und Bürde“ gibt's von OKV-Chef und Hofmarschall Manfred Roth Zepter und mit Fasanenfedern verzierte Mütze für Mathias II.. Prinzessin Carolin I. setzt Roth die Krone aufs wohlfrisierte Haupt - bestehend aus „Südsee-Perlen, gekauft in der Nähe von Cartier.“

„Saft ist druff“, klopft der Prinz gegen das Mikro, erzählt zusammen mit ihrer Lieblichkeit, wie sie beide zu ihrem Amt kamen und verabschiedet sich mit einem kräftigen „Offebach - Hallau“.

Wenn die Mutter mit dem Sohne: Oberbürgemeister Horst Schneider wagt mit Mutter Lilo ein Tänzchen.

Zuvor machen die „Icebreaker“ ihrem Namen alle Ehre. Die Guggemusiker der Stadtgarde, die nach Absage er Siegburger Funken eingesprungen sind, brechen mit ihrem mächtigen Gebläse und den lauten Trommeln das Eis in der Stadthalle. Als Farbtupfer und Hingucker präsentieren sich mit Tänzen später die „Prinzliche Hofgarde Ober-Roden“, allesamt Ex-Prinzen aus den südlichen Kreisgemeinden, sowie die 22 Mädels der Garde Buchnesia Nürnberg.

Fastnacht und Kabarett in gnadenlos guter Mischung serviert „de Pälzer“ Ramon Chormann. Mit deftigen Begebenheiten aus seiner ländlichen Heimat, Geschichten von Bekannten wie „es Schlappmauls Elvira“ bis „es Dummbeutels Heinz“, hat er die Lacher auf seiner Seite. Sein Zahnschmerz entpuppt sich als Mittelohrentzündung, zugezogen „zwischen den kalten Oberschenkeln einer Dame aus Ludwigshafen“, der Dialog der Eheleute anlässlich der Silberhochzeit birgt Zündstoff: Iss dess net schee“, sagt sie. „Ja, dess is net schee“, antwortet er.

Party bis weit nach Mitternacht

Als Mann der tausend Stimmen wirbelt FFH-Moderator Johannes Scherer mit einem etwa halbstündigen Auszug aus seinem aktuellen Programm „Scherereien Reloaded 2.0“ über die Bühne. Das Bild der Hessen wird bei dem im schon bayerischen Schöllkrippen Geborenen durch Heinz Schenk und den „Blauen Bock“ geprägt. „Bis ich 20 war, dachte ich, alle Hessen nuscheln.“ Mittlerweile kennt er sich aus im Land, hat in Hessen auch schon viel Elend gesehen, „besonders in Nordhessen“. Dort, wo sich etwa die Vogelsberger mit „aich soi Günter“ vorstellen, was ihn zunächst auf einen Mann mit Migrationshintergrund tippen ließ oder wo das „Ka ma su tra“(übersetzt: dass kann man so tragen) erfunden wurde.

Mit dem Programm, das mit einer Party bis weit nach Mitternacht fortgesetzt wurde, ist dem OKV der Versuch gelungen, ein breites Publikum anzusprechen und trotzdem die Tradition eines Karnevalvereins zu pflegen.

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