Tradition hat Zukunft

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Die fernsehbekannte Frankfurter Schauspielerin Rosemarie Fendel versorgte ihr gebannt lauschendes Offenbacher Publikum mit Texten, die Lust aufs Lesen machten – unter anderem von Francesco Petrarca und Johann Wolfgang von Goethe, Jean Paul und Siegfried Lenz.

Offenbach ‐ „Es wäre gut, Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte“, seufzte der Philosoph Arthur Schopenhauer. Lebenszeit ist in der Steinmetz’schen Buchhandlung nicht zu haben, Lesestoff seit nunmehr 175 Jahren. Von Markus Terharn

Zur Feier des außergewöhnlichen Jubiläums baten Inhaber Lothar Franck und Geschäftsführerin Helma Fischer an einen trefflich gewählten Ort: Der Bücherturm war bestens gefüllt. Mit Weisheiten wie der oben zitierten wartete Rosemarie Fendel auf. Im roten Strickkleid, mit karierten Strümpfen und knallroten Schuhen war die 83-Jährige auch optisch der Star des frühen Sonntagabends. Die prominente Schauspielerin war aus Frankfurt gekommen, um mit ausgewählter Weltliteratur Werbung für das Buch zu betreiben.

Sie tat das in bühnenerprobter Diktion etwa mit einem Gedicht von Wislawa Szymborska über die „Freude am Schreiben“ als Voraussetzung für die Freude am Lesen. Mit einem Text von Alberto Manguel über einen Besuch in den Ruinen Babylons, Wiege des geschriebenen Worts. Mit einer Liebeserklärung Francesco Petrarcas an das Buch als Begleiter. Mit Jean Pauls Loblied auf das Buch als Geschenk nebst geheucheltem Bedauern darüber, dass Autor wie Händler dafür auch etwas nehmen müssten. Und, sehr entzückend, mit Siegfried Lenz’ Erzählung über seinen Großvater Hamilkar Schaß, den nicht einmal bewaffnete Bedrohung daran hindert, das begonnene Kapitelchen zu Ende zu lesen.

„Rückbesinnung auf das gute alte Buch“

„Ganz beeindruckt“ von dem „tollen Ort“ zeigte sich Dr. Torsten Casimir. Als Chefredakteur verantwortlich für das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels, erwies er sich als idealer Referent über das Thema „Die Zukunft des Buches“. Dieses sei schon oft totgesagt worden und habe überlebt – „es gewöhnt sich dran“. Zwar gebe es in dieser Phase der Konzentration die Befürchtung, das „grandiose deutsche System des mittleren und kleineren Buchhandels“ werde „plattgemacht“. Aber die Ketten wüchsen deutlich gebremst. Dass Läden wie die Steinmetz’sche gute Karten hätten, die nächsten Jahre zu überleben, liege nicht zuletzt an der Buchpreisbindung, deren Abschaffung etwa in Großbritannien zu ruinösem Wettbewerb geführt habe. „Die Margen müssen auskömmlich bleiben“, forderte Casimir.

Dem E-Book zum Trotz sah der Fachmann eine „Rückbesinnung auf das gute alte Buch“, rühmte die „Körperlichkeit der Textaufnahme“ und die „Haptik der papierenen Oberfläche“. Das Lesen werde sich verändern, der Leser neue technische Möglichkeiten in seine Mediennutzung einbauen. Aber womöglich werde das gedruckte Buch zum „Intensivmedium“, zum „Gegenangebot“ in der digitalen Welt.

Zuvor hatte Oberbürgermeister Horst Schneider in seinem Grußwort die treue Kundschaft gewürdigt, die „fachliche, angenehme, zielsichere Beratung“ schätze. Zum Festakt in der Stadtbibliothek war denn auch ein repräsentativer Querschnitt aus Politik, Wirtschaft und Geistesleben erschienen, der dem Satz des OB zustimmte: „Wir sind stolz auf unsere Steinmetz’sche!“

Gastgeberin Fischer schloss in ihren Dank Hausherrin Gudrun Kulzer ein, deren Vorgänger Ernst Buchholz ebenfalls im Publikum saß. Zudem ihre jüngsten Gäste, Josefine (7) und Jakob (4). Sowie ihre Mitarbeiterinnen, die Buchhändlerinnen Barbara Groll, Ingrid Prager, Heidemarie Schneider und Claudia Weber, die Auszubildende Eva Dietrich und die Buchhalterin Marlies Graf.

Und noch einem anderen „Geburtstagskind“ wurde gehuldigt, das ebenfalls vor 175 Jahren das Licht der Welt erblickte: Auf der 1835 patentierten Basstuba intonierte Matthias Schütz Melodien von Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann, am Piano begleitet von Olaf Joksch.

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