Traditionslokal „Zum Schiffchen“

Alkohol gibt’s nur für die Gäste

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Bodenständigkeit statt Exotik, darauf legt „Schiffchen“-Chef Jochen Weber Wert. „Wir sind ordentlich, aber nicht hip.“

Offenbach - Wenn es ein Gasthaus mit fast ununterbrochener Tradition in Offenbach gibt, dann das Rumpenheimer „Schiffchen“. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau an der Fähre wurde im 18. Jahrhundert errichtet und diente seitdem der Bewirtung. Von Jenny Bieniek 

„Schon als Bub bin ich mit meinem Opa dort gewesen“, sagt der heutige Wirt Jochen Weber und lächelt. „Damals gab es noch jugoslawische Küche, und alles war im typischen 70er-Jahre-Stil mit viel dunklem Holz gehalten.“

Seitdem ist viel passiert im Fachwerkhaus direkt an der Mainfähre. Mehrfach wechselten die Pächter, auch das Interieur wandelte sich. Zuletzt blieb das „Schiffchen“ ein paar Monate geschlossen; bis Jochen Weber kam. Seit September betreibt er zusammen mit seinem Kumpel Stefan Walther, gelernter Koch, das Traditionslokal.

Zur Rolle des Gastwirts kam Weber „wie die Jungfrau zum Kind“. Kumpel Walther entdeckte die Anzeige des Eigentümers und überredete ihn, alles auf eine Karte zu setzen. Zuvor verdiente Weber sein Geld „mit allem möglichem“, wie er selbst sagt.

Zu Studienzeiten als Kellner, im Textileinzelhandel, als Surflehrer, bei einer Druckerei in Frankfurt, als Rudertrainer bei der Undine. Als gelernter Kaufmann agiert er beim „Schiffchen“ eher im Hintergrund. Seine Erfahrungen aus der Druckbranche kommen ihm zugute: Die Speisekarten sind selbst gestaltet, für Veranstaltungen entwirft er anlassgerechte Platzsets.

Ein bewegtes Leben

Aufgewachsen ist der 54-Jährige in Offenbach, sein Vater Michel betrieb lange ein Autohaus an der Bieberer Straße. Zog es ihn nach der Schule in den Norden Deutschlands, folgte 2003 aus beruflichen Gründen die Rückkehr an den Main.

„Ich habe bereits ein bewegtes Leben hinter mir und die Tiefen des Lebens mitgemacht“, sagt Weber. Entsprechend unerschrocken geht er das Neuland Gastronomie an. „Ich kann rechnen, ich kann Menschen führen, und am Anfang braucht es eben ein bisschen Geduld“, gibt er sich optimistisch. Zunächst für drei Jahre hat das Duo das „Schiffchen“ gepachtet. Seine Küche bezeichnet es als „gut deutsch“: Flammkuchen mit Handkäs, Sauerbraten, Schnitzel, Rumpsteak. „Zur Lage und zu Rumpenheim passt das“, findet der „Kapitän“. Wichtiger Schritt war für ihn deshalb die Umbennennung von Speisegaststätte in Wirtshaus. „Wir wollen nicht exotisch sein.“

Aus organisatorischen Gründen fand sich bislang kaum Fisch auf der Karte. „Das soll sich aber bald ändern“, kündigt Weber an. „Fisch und Schiff, das gehört schließlich zusammen.“ Zwar steht er hin und wieder selbst hinter der Theke; privat kann der Neu-Wirt auf Alkohol aber verzichten. Ihm schmecke es einfach nicht. „Klar hatte ich als Jugendlicher mal einen Vollrausch, das hatten ja alle.“ Heute sind drei, vier Schluck Wein die absolute Ausnahme.

Bierfest in Offenbach

Bierfest auf dem Stadthof

Das schlug sich anfangs in der Weinkarte nieder. „Zuerst hatten wir nur je einen Roten, Weißen, Rosé und haben damit wohl jeden Weinkenner verschreckt“, erinnert sich Weber. Dank fachmännischer Unterstützung wurde aufgestockt.

Die Fehler ihrer Vorgänger wollen die neuen Betreiber nicht machen. Lange Wartezeiten, schlechter Service – davon berichten Gäste oft. Im „Schiffchen“ ist nicht alles glatt gelaufen, „aber wir lernen noch – hoffentlich überleben wir das“, so Webers Bilanz nach zwei Monaten. Was die Kalkulation angehe, zahle man derzeit Lehrgeld, räumt er ein. Bis man schwarze Zahlen schreibe, werde es wohl dauern.

Seine Entscheidung bereut er trotzdem nicht. „Ich wache morgens lieber mit dem Wissen auf, nicht den ganzen Tag vorm PC sitzen zu müssen“, so der 54-Jährige, der seit 2013 auch Ruder-Cheftrainer im Deutschen Behindertensportverband ist. Künftig sollen im „Schiffchen“ ein Kaffee- und Kuchenangebot sowie Außengastronomie dazukommen. Geplant sind 20 Plätze mit Imbisswagen.

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