Trauer ums letzte Grün

Kurz und klein: Was vom grünen Dreieck am östlichen Ende des Nordrings nach der Fällaktion fürs neue Hafenviertel und seine Nebenschauplätze übrig geblieben ist, taugt bestenfalls noch als Pilgerstätte für private Kaminbesitzer mit Motorsägen. Foto: Th. Meier

Offenbach - (mcr) Sieht aus, als hätten ein paar Riesen Mikado mit Bäumen gespielt und einen schlechten Verlierer in ihren Reihen gehabt: alles kaputt, zersplittert, niedergemacht auf einer vor kurzem noch von Mutter Natur besetzten Fläche am östlichen Zipfel des Nordrings. Offenbach hat vorerst wieder etwas Grün weniger und einige wütende Bürger mehr.

Doch im Gegensatz zum Wilhelmsplatz, wo die mangels Investor mittlerweile selbst für einen Umbau zuständige Stadt heimtückisch sieben altehrwürdige Bäume zu Kleinholz hat verarbeiten lassen, ist am Nordring alles mit rechten Dingen zugegangen. „Rechte Dinge“ bedeutet: Das nach Grünschutzsatzung zu befragende Umweltamt wurde vorher befragt, die nötige Genehmigung erteilt. Und dass Männer mit Motorsägen anrücken werden, war angekündigt gewesen.

Aber „rechte Dinge“ bedeuten nicht automatisch Akzeptanz. Ein Wäldchen hatte man die Mischung aus niedrigen Gehölzen und wild wachsenden Bäumen zwar noch nie nennen können. Doch vor allem Anwohnern war das kleine Stück Natur inmitten der sonst vorherrschenden Betontristesse im Winkel zwischen Nordring, Carl-Ulrich-Brücke und Hafen als grüne Insel an die Herzen gewachsen. Seit sie untergegangen ist, gibt es bereits erste Anzeichen für die Bildung einer wilden Müllkippe zwischen den liegen gebliebenen Baumleichen - und es passiert, was mit Blick auf den bösen Fauxpas auf dem Wilhelmsplatz quasi reflexartig passieren musste: Bis gestern hat ein Dutzend Leser bei unserer Zeitung angerufen und beklagt, dass sich die Stadt auch am Nordring „gegen die Natur versündigt“ habe.

Der Adressat der Wut ist streng genommen nicht richtig. Die Abholzung ist zwar stadtplanerischen Träumen vom „urbanen Leben am Fluss“ geschuldet, doch für die daraus folgende Entwicklung des Hafenviertels zu einem neuen Stadtteil ist die „Mainviertel GmbH“ zuständig. Die allerdings ist ein Ableger der Stadtwerke Offenbach Holding, gehört also zur Familie.

Was passieren müsse, damit es losgehen kann mit dem ersten Bauabschnitt der Hafenentwicklung, hatten die Mainviertel-Prokuristin Daniela Matha und andere Verantwortliche Anfang März in einem „Bürgergespräch“ öffentlich erklärt. Auch die Sache mit den Bäumen am Nordring. Die müssen fallen, hieß es, um Baustellen für Erschließungsarbeiten einrichten, Ausweichrouten für die Zufahrt auf die Hafeninsel anlegen und in den Sommerferien den ersten Teil der sogenannten Vorlandbrücke abreißen zu können. Ab dem ersten Augustwochenende werde dann der bisherige Kreuzungsbereich zwischen Carl-Ulrich-Brücke und Kaiserstraße abgesenkt und eine neue, „entwirrte“ Verkehrsführung angelegt. Dazu werde der Nordring begradigt und mit einer Linksabbiegerspur auf die Brücke ausgestattet. Nach dem Abriss des zweiten Vorlandbrücken-Teils soll dann im Herbst der neue Teil des Nordrings gebaut werden, der entlang der Bebauung direkt zur Kaiserstraße führen soll. Am Mainufer werden die Bauarbeiter eine barrierefreie Rampe vom Parkplatz auf die Brücke errichten. Umbaukosten: fünf Millionen Euro, von denen auch die Anwohner profitieren sollen. Etwa in Gestalt einer von 156 neuen Bäumen beschatteten Allee, wo jetzt noch die graue Anliegerstraße deprimiert. Und auch in Form eines direkten Zugangs vom Nordend zum Main.

Sichtbar ist von alledem für die Anwohner noch nichts - außer dem veränderten Blick aus den Fenstern ihrer Wohnungen. Dem fehlt auf kaum absehbare Zeit das gewisse grüne Etwas. Und die Autos, denen in diesen Tagen schon wieder Männer mit lauten Motorsägen entsteigen, um sich von den toten Bäumen ein paar dicke Scheiben für den heimischen Kamin abzuschneiden, taugen nicht mal als schwacher Trost.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare