Traum neidischer Hausfrauen

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Erst im Wortsinn mangelhaft, am Ende aber doch perfekt: Mitarbeiter der Großwäscherei sortieren haufenweise Schürzen in der Verteilstation.

Offenbach - Trotz schmutziger Geschäfte im großen Stil immer eine saubere Bilanz: Würde Carsten Schmieder heute arbeitslos, hätte er wohl keine Probleme, mit Hilfe klug gewählter Formulierungen in den Kreis der aussichtsreichsten Bewerber für einen Job in den oberen Etagen der Bankentürme Frankfurter Hochfinanz vorzustoßen. Kommt aber nicht in Frage. Von Barbara Hoven

Schmieder könnte zwar jeden einzelnen dunklen Fleck in seinem Lebenslauf beseitigen. Doch zum einen ist sein aktueller Arbeitsplatz krisensicher, wenn nicht sogar kochfest. Und zum anderen sind Stellenangebote für Textilreinigermeister in Bankerkreisen eher selten.

Also bleibt Schmieder, wo und was er ist, und hantiert mit Zahlen, die aus Bankersicht viel zu wenige und aus Hausfrauensicht viel zu viele Nullen haben. Mit der 3000 beispielsweise oder der 600. Also: Wollte man die 3000 Kilogramm Handtücher, Tischdecken, Schürzen und Hemden, die Schmieder und seine Mitarbeiter tagtäglich durch die Wäscherei der AWO-Werkstätten im Offenbacher Hainbachtal lotsen, mit normalen Haushaltswaschmaschinen bewältigen, wären das 600 volle Ladungen. Was wiederum der normalen Hausfrau nicht nur den letzten Nerv, sondern selbst bei Betrieb rund um die Uhr auch zwei Monate ihres Lebens rauben würde - trocknen, falten, bügeln und sortieren nicht eingerechnet.

Folgerichtig darf sich die gemeinnützige Werkstätten Hainbachtal GmbH mit etwas brüsten, was sogar noch nach Luxus klingt, wenn man es an den automobilen Standards Frankfurter Finanzvorstände misst: „Unsere im Dezember aufgestellte Hightech-Mangelstraße ist nicht der Mercedes unter den Reinigungsanlagen“, schwärmt Wäschereileiter Schmieder. „Es ist der Maybach!“ Und der läuft und läuft und läuft.

Muss er auch. Die Klientel der Werkstätten-Wäscherei - Hotels, Gastronomiebetriebe, Rettungsdienste, Pflegeheime - beschmutzt die Textilien mit schöner Verlässlichkeit. 13 feste Mitarbeiter im Schichtbetrieb, 27 Kollegen aus den Werkstätten und zwischen sechs und zehn Hartz-IV-Kräfte haben gut zu tun. Morgens ab Sieben als erste auf den Beinen: zwei Fahrer. Sie holen Schmutzwäsche bei den Großkunden ab und liefern saubere Wäscheberge aus. Aufträge von Privatleuten werden nur selten angenommen. „Das passt einfach organisatorisch nicht gut“, sagt Schmieder.

Im Hainbachtal wird die Wäsche vorsortiert, dann geht´s auf dem Förderband direkt in die Waschstraße. Und während es für die Wäsche automatisch läuft, müssen die Menschen erst durch eine Schleuse, um vom Schmutzbereich - der „unreinen Seite“ - auf die andere, die „reine Seite“ zu gelangen. „Ohne sich die Hände zu desinfizieren, kommt keiner an der Hygienetrennwand vorbei“, erklärt Werkstätten-Sprecher Rudi Schell und preist neben hygienischen ökologische Qualitäten. Abwasser werde neutralisiert, Energie zurückgewonnen, „wir tun mehr, als die Vorschrift verlangt.“

Im Reinraum geht die vorsortierte Wäsche endgültig getrennte Wege, wird aufgeteilt in Trockenwäsche, in Pressteile wie Kittel und Kochjacken und in Flachwäsche, wie Geschirrtücher oder Tischdecken in der Fachsprache heißen. Was die Mangel dann leistet, hat mit Otto-Normal-Gerätschaften wenig zu tun. 400 Tischdecken schafft das Gerät in der Stunde. Säuberlich getrocknet und geglättet, werden sie so gefaltet und gestapelt, das selbst ein penibler Unteroffizier der Bundeswehr nichts zu meckern hätte, der solche Pracht bei der Spindkontrolle seiner Rekruten entdecken müsste.

Die Trockenwäsche - meist Handtücher oder Unterwäsche aus Pflegeheimen - wird von Trocknern geschluckt, in deren Trommeln sogar Menschen eine Runde drehen könnten. Bis zu 75 Kilo schaffen die Monster-Maschinen auf einen Schlag. Angesichts dieses Durchsatzes bleibt der neidischen Hausfrau ein Trost: „Für ganz spezielle Sachen wie empfindliche Blusen“, erklärt Schmieder, „gibt´s auch im Hainbachtal das stinknormale Bügelbrett wie daheim.“ Und Legearbeiten werden von Werkstattmitarbeitern in Handarbeit übernommen. Bis zu 6000 Schürzen bringen sie pro Tag aufs gewünschte Format.

Viele Hände werkeln schon in Offenbachs größter Wäscherei. Und wenn es nach ihrem Leiter Schmieder geht, sollen es noch zwei mehr werden. Der Textilreinigermeister möchte ab Sommer 2009 einen Azubi zum Textilreiniger ausbilden. Bewerbungen sind erwünscht, die Stelle ist noch zu haben.

Über den Wasch- und Reinigungsdienst hinaus hat der „Sozialkonzern im Hainbachtal“ viele weitere Dienstleistungen zu bieten: Im Bereich Klein- und Elektromontage bauen die Werkstattmitarbeiter von der Designer-Leuchte bis zum Kopfhörer alles zusammen. Dazu gibt es Metall- und Kunststoffbearbeitung, Schreinerei, Garten- und Landschaftspflege, Konfektionierung, Verpackung, Versand und einen Lettershop. Und seit November 2006 betreiben die Werkstätten den CAP-Markt in Obertshausen. Der bietet Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Behinderung und trägt so dazu bei, behinderte Menschen ins alltägliche Leben zu integrieren.

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