Traum in Offenbach erfüllt

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Serdal Cavus zeigt Brote in der Sandgasse. Die Bäckerei ist der wahrgewordene Traum des Vaters. Mittlerweile führen die Söhne das Familienunternehmen.

Offenbach - Reflexartig scheint der Magen das Signal „Hunger“ an das Gehirn zu senden, wenn man das Haus in der Sandgasse 28 betritt. Von Katharina Skalli

In der Luft hängt der feine, an gemütliche Sonntage erinnernde Duft nach frisch gebackenem Brot. Aus der Backstube zieht er in die darüber liegenden Büros, aber auch über den Hof und durch die Straßen. Steht der Wind gut, kommt er sogar bis zum Ausgang der S-Bahn-Station Marktplatz und empfängt dort Besucher.

Seit 1998 ist das nun schon so und dennoch ist die Bäckerei in der kleinen Gasse zwischen Berliner Straße und Main für manchen noch ein kulinarischer Geheimtipp. In der Gastronomieszene ist die Cavus Bäckerei, ein Familienbetrieb, allerdings schon längst keine Unbekannte mehr. Mittlerweile beliefert die Familie Kunden im gesamten Rhein-Main-Gebiet mit Brot, Brötchen, Kuchen und anderen Leckereien aus dem Ofen. 60 Angestellte halten den Betrieb am Laufen. 25 Tonnen Mehl verwandeln die Bäcker im Erdgeschoss pro Woche in türkische Fladenbrote, deutsche Vollkornbrote, französisches Baguette, orientalisches Gebäck und andere Spezialitäten.

1996 ist es soweit - der Traum wird wahr

Die Geschichte der Familie beginnt bescheiden, mit einem kleinen Mann mit ordentlich gestutztem Schnauzbart, Schiebermütze und verschmitztem Lächeln, der als junger Vater seine türkische Heimat verlässt, um sich einen Traum zu erfüllen. Mehmet Cavus hängt in den 60er Jahren seinen Job als Schneider an den Nagel und reist nach Deutschland. Allein. Erst Jahre später holt er seine Frau und die drei Söhne nach. In Offenbach kommen drei weitere Jungen zur Welt. Der Vater aus einem kleinen Dorf in der Türkei träumt davon, einen Betrieb zu führen, der genug Arbeit und Einkommen für ihn und seine sechs Söhne abwirft. 1996 ist es soweit. „Papa Cavus“ kauft eine alte Bäckerei in Mühlheim. Es ist der Anfang einer ganz besonderen Erfolgsgeschichte. Zwei Jahre später zieht das Unternehmen nach Offenbach. Hier wird sieben Tage in der Woche gebacken. Früher fuhr Mehmet Cavus mit einem alten VW-Bus die Ware aus. Heute erledigen das Fahrer mit 14 Lieferwagen. Jeder der Söhne bringt andere Qualifikationen mit. „Unser Vater hat großen Wert darauf gelegt, dass wir alle eine Ausbildung machen und Sport treiben“, sagt Sohn Serdal Cavus.

„Schnell hatten wir die Idee, nicht nur traditionell türkische Backwaren herzustellen“, verrät er und schielt auf das Plunderstückchen auf seinem Schreibtisch, das für deutsche Backkunst nicht typischer sein kann. Glasierte, dunkelrote Kirschen auf einer sonnengelben Insel aus Puddingmasse, eingebettet von feinem, süßen Blätterteig. Nur eines der unzähligen Produkte, die streng nach Rezept im Erdgeschoss der Sandgasse 28 entstehen. In der Büroetage darüber trifft man den 33-Jährige Serdal Cavus und vier seiner fünf Brüder beim Arbeiten.

Brüder entscheiden über neue Schritte und Projekte

Bruder Bayram wurde tatsächlich Bäckermeister. Inzwischen ist die Cavus Bäckerei ein anerkannter Ausbildungsbetrieb. Der Rest packt da an, wo er gebraucht wird. Einer kümmert sich um den Vertrieb, ein anderer um die Technik, zwei organisieren den Verkauf und Serdal ist für die Expansion zuständig. Außer der Filiale in der Sandgasse betreibt die Familie einen Backladen am Marktplatz, einen in Schwalbach und seit März 2010 eine Bäckerei mit Café in Lauterborn. Die Eröffnung eines Shops im Mathildenviertel ist für Frühling 2011 geplant. Vor Investitionen in Problemvierteln schrecken die sechs Brüder nicht zurück. Gemeinsam entscheiden sie über neue Schritte und Projekte. Außerdem wird der 74-jährige Vater gefragt. „Gibt es Sonne und Wasser? Dann pflanzt!“, hat er zu seinen Söhne gesagt.

Die Schanzenbäckerei im Stadtteil Lauterborn ist erfolgreich in ihr erstes Jahr gestartet. Hinter der langen Verkaufstheke knistern die braunen Brötchentüten, in die zwei junge Verkäuferinnen die Gebäckstücke stecken. Anwohner kommen nicht nur um Brot zu kaufen, sondern auch um zu frühstücken, Tee zu trinken oder bei einem Stück Torte das Treiben auf der Straße zu beobachten. Eine Mischung aus Café, Bäckerei, Bistro und Lounge ist die Filiale in der Hugo-Wolff-Straße. Auch hier duftet es nach frisch Gebackenem.

Hinter dem Verkaufsraum kommt jedoch nichts Tiefgefrorenes in die Öfen, sondern roher Teig, der in Gärkästen angeliefert wird. So gibt es in jeder Filiale frisch gebackene Brötchen. Die Zutaten kommen ausschließlich von Lieferanten aus der Region. Was in den riesigen Öfen und überdimensionalen Knetmaschinen entsteht, diktieren die Kunden. Mittlerweile stehen ihnen 12 Baguette-Varianten zur Auswahl.

Nicht nur Qualität, Frische und Vielfalt ist der Unternehmerfamilie wichtig. Mit ihrem neuen Projekt wollen sie Bedürftige unterstützen. „Brot am Haken“ heißt eine Idee mit Ursprung in Neapel. Kunden kaufen zwei Brote, nehmen aber nur eins mit. Das zweite wird an einen Haken gehängt und darf von Besuchern, die weniger Geld haben, mitgenommen werden. Das gleiche funktioniert mit Kaffee, Stückchen oder Sesamringen. In dieser Woche ist das Projekt in der Schanzenbäckerei in Lauterborn gestartet.

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