Traumjob mit Schönheitsfehlern

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Die Friseur-Innung Stadt und Kreis Offenbach hat einen neuen Vorstand gewählt. Von links: Dilek Ayhan, Christine Betzel, Petra Krämer, Fritz Werner, Helga Littin-Papadopoulos (Obermeisterin), Christian Trepte, Jennifer Trinkl und Silvia Ott. Sie machen sich für die Belange ihres Handwerks stark.

Offenbach - Friseure machen nur die Haare schön? „Zum Beruf gehört noch viel mehr“, findet Helga Littin-Papadopoulos, Obermeisterin der Friseur-Innung Stadt und Kreis Offenbach. „Wir haben ein offenes Ohr, hören zu, wir beraten, ein bisschen sind wir auch Psychologen.“ Von Veronika Szeherova

Niemand sonst würde sich die Zeit nehmen, so lange an einem Menschen zu arbeiten. „Kein Arzt, kein Physiotherapeut“, ist sie überzeugt.

Deshalb ist Friseur für sie ein Traumberuf. Allerdings gibt es Entwicklungen, die ihr Sorgen bereiten. Wie etwa die Billigsalons, die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießen. „Früher habe ich in Offenbach über die Kneipen gelacht, jetzt über die vielen Friseurläden“, sagt die erfahrene Coiffeurin, die seit 1984 der Innung angehört und seit fast zehn Jahren Obermeisterin ist.

„Als Einzelunternehmen kann so etwas nicht kostendeckend funktionieren“, ist sich Littin-Papadopoulos sicher. Material, Dienstleistung, Arbeitszeit, Raum und die notwendige Hygiene könnten nicht mit zehn Euro beglichen werden. „Diese Betriebe sind subventioniert. Das geht zu Lasten vor allem von Existenzgründern“, bedauert sie.

Billigsalons zögen vor allem Laufkundschaft an, für die der Preis ausschlaggebender sei als die Qualität. Für alteingesessene Handwerksbetriebe mit vielen Stammkunden sind sie ihrer Ansicht nach keine dauerhafte Konkurrenz. „Viele Kunden werden bewusster“, beobachtet die Obermeisterin. „Sie erwarten Qualität, es geht in Richtung Wellness. Dafür sind sie bereit zu zahlen.“

„Ein Friseur verdient nicht automatisch schlecht“

Daher betont sie: „Ein Friseur verdient nicht automatisch schlecht – wer gut ist, bekommt mehr vom Kuchen ab. Doch unser Kuchen verteilt sich auf zu viele Stücke.“ Der Markt sei derzeit übersättigt – vor allem wegen der Billigsalons. Gerade junge Friseure und Zweitverdiener würden oft für weniger als den Tariflohn von 8, 42 Euro pro Stunde arbeiten und nichts dagegen tun.

„Viele wissen gar nicht, dass es Stellen gibt wie unsere Innung, die ihre Interessen vertritt und Mitsprache ermöglicht“, glaubt Littin-Papadopoulos. Die Ausbilderin und Berufsschullehrerin ist stolz darauf, dass es der Innung gelungen ist, die Meister-Zulassung zu erhalten. „In anderen EU-Ländern gibt es die nicht, dabei garantiert sie höheres Fachwissen und kommt somit allen zugute.“

Zuverlässige, gute Azubis hätten gute Übernahmechancen. Doch die Anzahl neuer Friseurazubis ist in Stadt und Kreis rückläufig. Haben im Jahr 2010 noch 120 junge Leute eine Ausbildung begonnen, waren es vergangenes Jahr 79 und in diesem Jahr bisher nur 38. Es mangele, wie in anderen Berufen, an geeigneten Bewerbern. Die Abbrecherquote liegt laut Littin-Papadopoulos bei „etwa einem Viertel“.

Der Beruf sei körperlich belastend, was viele Neulinge unterschätzen. „Es ist ein Handwerk, zu dem viel Wissen und Können gehört“, sagt die Obermeisterin. „Wir haben große Verantwortung gegenüber unseren Kunden. Sie müssen sich auf uns verlassen können.“ Doch genau das macht für sie den Reiz des Berufs aus. „Wer Friseur ist, der ist es mit Leidenschaft.“

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