Traurig über die negativen Schlagzeilen

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Selianos Konstantinidis: „Was die Griechen angerichtet haben, sollen sie selbst auslöffeln.“

Offenbach ‐ Griechenland ist in den Medien so präsent wie nie. Die meisten Hellenen in Deutschland könnten gut darauf verzichten. Ob kleine Sticheleien beim Lieblingsgriechen oder große Hetztiraden wie in der Bild-Zeitung („Warum zahlen wir den Griechen ihre Luxus-Renten?“), die Schuldenkrise im Land der Oliven ist in aller Munde. Auch in Offenbach. Von Veronika Szeherova

Dr. Konstantin Manolopoulos, Facharzt für Gynäkologie im Offenbacher Kinderwunschzentrum, ist traurig, dass sein Land so negativ in die Schlagzeilen gekommen ist. „Griechenland hat viele Jahre über seine Verhältnisse gelebt, die Staatsausgaben waren höher als die Einnahmen.“ Schuld an der jetzigen Lage habe die Regierung, aber zum Teil auch die EU-Partner. „Sie haben die Entwicklung nicht aufgehalten, obwohl es Anzeichen für den drohenden Bankrott gab.“ Radikale Reformen im Land sind Manolopolous‘ Meinung nach der richtige Weg. Doch Hilfe von außen muss kommen. „Wenn ein EU-Land bankrott geht, dann hätte das schlimme Auswirkungen für alle“, so der 39-Jährige. Er plädiert deshalb dafür, dass die EU auch andere Mitgliedsstaaten, deren Wirtschaft am Abgrund ist, finanziell unterstützt. So hofft er, dass Griechenland in den Köpfen der Deutschen schnell wieder das Land der Kultur und schönen Urlaube wird, nicht der Krise und Misswirtschaft.

„Keine Situation, die nicht zu schaffen ist.“

Die Lust der Offenbacher auf griechische Köstlichkeiten ist indessen unvermindert. Selianos Konstantinidis, Geschäftsführer des Feinkostladens am Wilhelmsplatz, bemerkte bislang keine Auswirkungen der Krise auf sein Geschäft. Der 42-Jährige vertritt eine klare Position: „Was die Griechen angerichtet haben, sollen sie auch selbst wieder auslöffeln. Warum sollten wir hier deswegen bis 70 arbeiten?“ Der Feinkostländer betont, dass sein Land aus eigener Kraft wieder auf die Beine kommen muss. „Die anderen europäischen Länder sollten uns zwar schon unterstützen, aber eben nicht mit so horrenden Summen“, findet er. „Über die Runden kommen müssen die Griechen schon selbst, und nicht noch andere Länder bedrohen.“ Geboren ist Konstantinidis in Deutschland, war schon seit mehreren Jahren nicht mehr im Land seiner Vorfahren. „Wenn Sie mir die Reise bezahlen, fahre ich gerne mal wieder hin“, schmunzelt er.

Anders ist es bei Christos Michailidis. Der Vorsitzende der Griechischen Gemeinde Offenbach besucht sein Heimatland jedes Jahr. Er verfolgt die Berichterstattung über die Krise, findet sie aber oft zu aufgebauscht. „Natürlich ist die Lage ernst, aber es ist keine Situation, die nicht zu schaffen ist“, so Michailidis. Er kann sich vorstellen, dass die Lage in Griechenland anders wahrgenommen wird. Für ihn persönlich und für die Griechische Gemeinde habe die Krise aber keine Auswirkungen. „Ich lebe in Deutschland, und für mich ändert sich nichts. Denn das, was hier passiert, ist am wichtigsten.“ Michailidis zeigt sich zuversichtlich, dass „wir die Krise meistern, wenn wir zusammenhalten.“

Schlimmstes Szenario: Rückkehr zur Drachme

132 Unternehmen sind bei der Industrie- und Handelskammer Offenbach verzeichnet, die mit Griechenland in Handelsbeziehungen stehen. Die Branchen sind bunt gemischt. „Noch kann man nicht sagen, welche Bereiche besonders betroffen sind“, so Markus Weinbrenner, IHK-Geschäftsführer und Auslandsexperte. Nur 0,82 Prozent der deutschen Exporte gingen im vergangenen Jahr nach Griechenland - 6,6 Milliarden Euro. Das Land am Peloponnes exportierte nach Deutschland für 1,9 Milliarden.

„Den größten krisenbedingten Rückgang werden wohl Hersteller von Konsumgüterartikeln haben“, prognostiziert Weinbrenner in Bezug auf deutsche Exporte, „während die Maschinen- und Anlagenbauer profitieren könnten.“ Als schlimmstes Szenario sieht er die Rückkehr zur alten Drachmen-Währung. „Der Euro muss stabil bleiben.“ Staatshilfen und ein Teilschuldenerlass seien die einzigen Mittel. „Die Situation ist sehr bedrückend. Auch, weil das Image der Griechen leidet.“

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