Metallstiegen-Optik beeinträchtigt die restlichen Bewohner

Hilfreiche Treppe für Demenzkranken muss weg

Offenbach - Die fünf Stufen, die von Dieter H.s Balkon in den Garten führen, machen dem Demenzkranken das Leben ein bisschen leichter. Dank ihnen kann er ohne gefährlichen Umweg ins Grüne, muss nicht an der Straße vorbei. Doch nun soll die Treppe weg – und zwar auf Drängen der Nachbarschaft. Von Sarah Neder

Fünf Stufen, zwei Geländer an jeder Seite – die Treppe, die vom Balkon von Dieter H. (links) in den Garten führt, soll bis nächste Woche entfernt werden. Das hat die Eigentümerversammlung des Mehrfamilienhauses entschieden. Nachbar Horst Landmann findet, das ist ein „Unding“. 

Das Vergessen beginnt vor etwa drei Jahren. Dieter H.s Alzheimer-Erkrankung schleicht erst, rennt dann. Der 73-Jährige aus Bieber ist mittlerweile so stark dement, dass er sich nicht orientieren kann. Nicht mal daheim. Dieter H. lebt mit seiner Frau in einer Immobilie, die 36 Eigentumswohnungen beherbergt. Das Appartement des Ehepaars liegt im Erdgeschoss des Mehrfamilienhauses. Der Balkon zeigt zum Gemeinschaftsgarten, wo Dieter H. an warmen Tagen mit seinen Pflegern Federball spielt. „Körperlich ist er noch erstaunlich fit“, erzählt seine Gattin. Weil er es geistig aber schon lange nicht mehr ist, wird der Weg ins Grün immer mehr zum Risiko. Ihr Mann sei schon desorientiert auf die Straße gelaufen, schildert die Ehefrau. Um die Gefahr, dass Dieter H. wegrennt oder verletzt wird, zu verkleinern, lässt sie vor drei Jahren einen Abgang vom Balkon in den Garten bauen. 2700 Euro zahlt das Ehepaar für die Metall-Konstruktion – die fünf Stufen sind fortan eine Bereicherung für den Alzheimerpatienten. „Er sieht sie, wenn er aufwacht und weiß wo er ist“, erzählt seine Frau. Doch nun muss die Treppe weg.

Der Grund: Die Nachbarn stören sich an dem Anbau. „Die Treppe sei zu groß und passe nicht zur Optik des Hauses“, berichtet Dieter H.s Partnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Kurz nach der Errichtung im August 2013 beschließt die Eigentümerversammlung, dass die Stufen abgebaut werden sollen. Frau H. wehrt sich dagegen, klagt, verliert am Amtsgericht Offenbach, legt Berufung am Frankfurter Landgericht ein. Und verliert ein weiteres Mal.

Das Recht wird den anderen Eigentümern zugesprochen. Die Begründung: Die Metallstiegen beeinträchtigten mit ihrer Optik die restlichen Bewohner. Die Konsequenz: Laut gerichtlichem Beschluss muss die Treppe bis nächste Woche Donnerstag abgebaut werden.

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens  

„Das ist ein Unding“, sagt Nachbar Horst Landmann, der sich gelegentlich um Dieter H. kümmert. Landmann hat sich deshalb an unsere Zeitung gewandt. „Es ist ein Hammer, so etwas unästhetisch zu finden“, schimpft er über die anderen Eigentümer. Die Stufen vom Balkon wegzunehmen, bedeute einen „unheimlich großen Einschnitt“ für seinen demenzkranken Bekannten. „Er kann keinen rationalen Gedanken mehr fassen und sich nur schlecht an neue Muster gewöhnen“, begründet Landmann.

Als Mieter hatte der 68-Jährige jedoch keinen Einfluss auf die Abstimmung der Eigentümerversammlung. Darum will er Dieter H.s Geschichte jetzt öffentlich machen. Als besonders ungerecht empfindet Landmann, dass die anderen Balkone im Erdgeschoss auch Abgänge hätten. Doch der Vorbau an der Wohnung der H.s liege am höchsten, braucht deshalb fünf statt zwei Stufen plus ein Geländer, an dem sich der demente Bewohner festhalten kann.

Dieter H.s Frau hat den Kampf um die Treppe für ihren Mann schon aufgegeben. „Ich werde sie abbauen lassen“, sagt sie resigniert. Auch weil sie Angst vor neuen Gerichtsverfahren hat, deren Kosten sie im Zweifel selbst tragen muss.

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