Ein Tropfen Hoffnung im Meer der Verzweiflung

Offenbach - „Und wann ist bei dir Feierabend?“ Mit einer Mischung aus Galgenhumor und Defätismus begrüßen sich die Mitarbeiter bei der Kundgebung vorm Invista-Werkstor in der Kettelerstraße. Jedem der 280 hat die Betriebsleitung gesagt, wann Schluss ist. „Die meisten müssen zum 1. April gehen, der Rest zum Juli oder Oktober“, erzählt eine Mitarbeiterin mit roter Gewerkschaftsmütze.

Ihren Namen möchte sie so wenig in der Zeitung lesen wie die männlichen Kollegen mit den blauen Helmen. „Die Firma gehört Amerikanern - wer weiß, was denen noch einfällt, wenn wir mit Journalisten reden.“

Der Betriebsrat verteilt Protest-Transparente: „Standort Offenbach darf nicht sterben!“ oder „Verhandlungen wieder aufnehmen!“ steht drauf. Doch die Hoffnung unter den Demonstrierenden ist auf homöopathische Dosen geschrumpft. „Ich glaube nicht, dass sich noch was tut“, sagt ein großer, jüngerer Mann. Warum er dann mit einigen hundert dem Aufruf von Betriebsrat und Gewerkschaft gefolgt ist? „Die Demonstration ist eine gute Gelegenheit, um sich von Kollegen zu verabschieden, die man sonst nicht mehr sieht.“

Seit die Betriebsleitung vor zwei Wochen verkündet hat, das Werk zu schließen, organisiert die Belegschaft rund um die Uhr eine Mahnwache vorm Tor. „Es kommen auch frühere Mitarbeiter vorbei. Unbeteiligte halten an und spenden zehn Euro für die Streikkasse - das ist schon toll, was hier passiert.“ Stolz sind die Mitarbeiter auch auf die Leistungen im Werk: Als vergangene Woche ein Stromausfall die Produktion zu stoppen und Schaden anzurichten drohte, seien viele von zu Hause an den Arbeitsplatz geeilt, um zu helfen. „Obwohl die Kündigungen schon ausgesprochen waren - das zeigt doch wie verbunden wir mit dem Standort sind.“

Dann berichtet Wolfgang Werner, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft, von neuen Verhandlungen und einem bereits vorliegenden Vertrag, über den noch gestern Abend geredet werden sollte. Und plötzlich flammt wieder Hoffnung auf.

„Wenn die Verhandlungen gut laufen, ist die schlimmste Hürde überwunden - vielleicht gibt es bald Entwarnung“, gibt sich die vorbei gekommene SPD-Bundestagsabgeordnete Uta Zapf optimistisch. Auch OB Horst Schneider bekundet „dezenten Optimismus für eine Lösung jenseits der Liquidation.“ Die sei im Interesse der ganzen Stadt. „Mit Dienstleistung alleine geht's nicht. Am Ende muss auch noch irgend etwas produziert werden.“ Sollte es nicht gelingen, die Polyester-Produktion für Offenbach zu retten, wäre das der „vorletzte Todesstoß für die Industriestadt“ (Schneider). Den wollen auch die Invista-Mitarbeiter abwehren. Zumal es um ihre Arbeitsplätze geht. Und nach den Reden sind sie etwas zuversichtlicher, noch nicht endgültig verloren zu haben.

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