Trotz eiskaltem Ostwind eine heiße Narrenschau

So sinnlos waren sie noch nie, die Ampeln auf dem Marktplatz. Grün-gelb-rot, rot-gelb-grün: Unbeirrt verrichten sie gestern Nachmittag ihren Dienst. Und alle pfeifen drauf. Von Matthias Dahmer

Warum? Weil die Fastnacht die Innenstadt im Griff hat. Genauer: der Offenbacher Karnevalverein (OKV). Im 75. Jahr ihres  Bestehens hat die Dachorganisation aller lederanischen Narren nach fünfjähriger Abstinenz wieder einen Fastnachtszug auf die Beine gestellt.

Und was für einen! Es sind fast 100 Zugnummern, denen rund 1800 Akteure Leben einhauchen. Die Gruppen kommen aus Nordhessen ebenso wie von der Bergstraße, sind aus dem Fränkischen angereist und aus Luxemburg. Die Fastnachter aus den Stadtteilen und der näheren Umgebung machen sowieso mit, wenn der OKV ruft.

Mehr als zwei Stunden schlängelt sich der Jubiläums-Lindwurm durch die Stadt, die Kameras des hr übertragen live in die hessischen Wohnzimmer, und 20.000 Menschen, so schätzt die Polizei, verfolgen das Spektakel hautnah und friedlich am Straßenrand.

Bilder des Jubiläumszugs

Jubiläumszug des OKV

Allein Miriam gibt ein wenig die Spielverderberin, hat sich früher verzogen als erhofft. War doch milde Meeresluft vom atlantischen Tiefausläufer versprochen. Stattdessen pfeift ein kalter Ostwind als Vorbote des zurückkehrenden Winters über die VIP-Tribüne.

Dort stimmt ein, mit standesgemäßer Kopfbedeckung, jeder Menge Orden und einem Glühwein ausgestatteter Oberbürgermeister die Reihen über sich immer wieder ein. Selbst der ansonsten eher seriöse neue Obertshausener CDU-Mann in Berlin, Peter Wichtel, kann sich dem nicht entziehen. Die Band gegenüber tut - was die hessischen Fastnachter kein bisschen stört - in bestem Kölsch ihr übriges, und als es dann losgeht, ist die Menge in Stimmung.

Unmöglich an dieser Stelle der ganzen Vielfalt der Fußgruppen, Motivwagen und Musikformationen, die an diesem Nachmittag über den Marktplatz ziehen, gebührend Rechnung zu tragen. Deshalb seien jene beispielhaft genannt, bei denen des Karnevalsschreibers Kuli besonders ausgiebig den Block füllt.

Fürs Aufwärmen sind eindeutig die Guggemusiker die richtigen. Allen voran die Stadtgarde Offenbach oder auch die Power Brezzeler und die Firedrums aus dem benachbarten Mühlheim. Die Karnevalisten der Mühlenstadt erhalten denn auch angesichts ihres Engagements beim Jubi-Zug ein dickes Lob von Manfred Reißmann. Er moderiert zusammen mit Constanze Angermann vom hr fürs Fernsehen und kann als Sitzungspräsident der Wikingelfer nicht seine karnevalistische Herkunft verhehlen: „Da geht eim es Herz uff wie en Krebbel“, meint er als das schön dekorierte und stilecht besetzte „Wikingerschiff“ seiner SG vorbeisegelt.

Voller Erfolg

Unter den Motivwagen sticht zudem der des Gastgebers OKV hervor: Echte Baumstümpfe und eine überdimensionale Motorsäge lassen Eingeweihte schon von weitem erahnen, was wenig später auf dem Wagen auch zu lesen ist: „Ich war eine Kastanie“, wird der OB in Anspielung auf die letztjährige Fällaktion am Wilhelmsplatz als „Brennholzlieferant“ bezeichnet.

„Ewe komme die Gäul“ stößt ein jung gebliebener Karnevalist seine Angetraute an und zeigt nach links. Die Bierbrauer von Binding haben sich nicht lumpen lassen. Sechs Kaltblüter ziehen den Wagen mit Fässern, Frischgezapftes findet trotz Kälte willige Abnehmer. Fürs richtig laute „Offebach-Hallau“ sorgen natürlich die Lokalmatadoren. Wie etwa die Raga aus Bürgel, die gleich für acht Nummern gut ist und mächtig die Stimmung im immer mal stockenden Zug anheizt. Ähnlich bringen die Kolpinger mit ihrer guten Laune die langsam fröstelnden Zuschauer wieder in Schwung.

„Wir sind genau im Zeitplan. Das wird eine Punktlandung“, sind sich Klaus Kohlweyer und Klaus Dieter Roos, die Organisatoren des Zuges, nach einem Blick auf die Uhr sicher. Mehr als ein Jahr haben sie mit ihren Helfern am Konzept getüftelt. Der Erfolg des Jubiläums-Spektakels trägt ihren Namen und dürfte darin bestärken, vielleicht in vier Jahren wieder über einem Konzept zu brüten.

Rubriklistenbild: © Georg

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