Diskussion über Freiheit im Internet: Trugschluss Twitter-Revolte?

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Bekamen sich in der Diskussion nicht in die Haare (von links): Geschichtsprofessor Peter Hoeres, die Frauenrechtlerin Monireh Kazemi, Moderator Jürgen Schultheis, der Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir sowie der Buchautor Carsten Görig.

Offenbach - Eigentlich war sich Stadträtin Marianne Herrmann vorher sicher gewesen: „Wir werden eine spannende Diskussion erleben. “ Damit lag sie nicht ganz richtig. Für eine Diskussion mit Haken und Ösen fehlten schlichtweg die wirklich konträren Positionen. Von Stefan Mangold

Unterhaltsam gestaltete sich der Nachmittag dennoch.

„Internet - im Geist der Freiheit“ lautete das Thema im Haus der Stadtgeschichte. Und bestimmt hätte ein Vertreter der Piraten etwas entgegnet, als der Gießener Geschichtsprofessor Peter Hoeres der Partei vorwarf, dem geistigen Diebstahl im Internet das Wort zu reden, in dem sie die Urheberrechte abschaffen wolle. So aber mochte ihm niemand widersprechen. Schon gar nicht Tarek Al-Wazir, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, dem die Gruppierung als neuer Konkurrent ein Dorn im Auge sein dürfte.

Politische Umbrüche in arabischen Ländern

Eingeladen zur Diskussion hatte die Gesellschaft „Kultur-Region Frankfurt-Rhein-Main“. Offenbach sei der richtige Ort dafür, erläuterte Marianne Herrmann, schließlich sei hier Georg Büchners Flugschrift „Der Hessische Landbote“ in Druck gegangen. Moderator Jürgen Schultheis schlug den Bogen zu den politischen Umbrüchen des Jahres in mehreren arabischen Ländern. Die firmierten in der weltlichen Welt unter „Facebook und Twitter-Revolutionen“. Ein Trugschluss, wie der Journalist Carsten Görig meint, der ein Buch über Julian Paul Assange verfasst hat – dem Initiator der Internetplattform WikiLeaks.

Umständliche Art der Kommunikation

Die westliche Gesellschaft projiziere den eigenen Umgang mit dem Internet auf andere Länder, sagte Görig. Das bestätigte auch Monireh Kazemi, eine aus dem Iran stammende Frauenrechtlerin und Journalistin. Sie berichtete von den Protesten nach den mutmaßlich gefälschten Parlamentswahlen von 2009 im Iran. Im Westen habe der Eindruck geherrscht, an jeder Ecke des Landes habe jemand gestanden und mit dem Handy Demonstrationen gefilmt, um sie anschießend ins Internet zu stellen, „das waren aber nur fünfzig Leute“.

In die selbe Kerbe schlug Peter Hoeres. Auch die Proteste von vor zwei Jahren in Moldawien hätten Medien als „Twitter-Revolution“ tituliert. Eine umständliche Art der Kommunikation hätten die Revolutionäre dann gewählt. Schließlich habe es in der Hauptstadt Chisinau nur einen Internetanschluss in einer Filiale von McDonalds gegeben, „schwer vorstellbar, wie die davor Schlange standen, anstatt direkt miteinander zu reden“.

„Leute, die sich vor dem Computer echauffierten, aber keinen Deut weit engagieren“

Ohnehin sei das Internet nur ein Werkzeug, betonte Tarek Al-Wazir, das erst mal ähnlich neutral zu bewerten sei wie das Medium Buch: „Man kann Büchners Landboten drucken, aber auch Hitlers „Mein Kampf’“. Eine Revolution setze sich erst in Gang, „wenn sich die Situation desaströs gestaltet“. Dann nähmen die Menschen auch ein hohes persönliches Risiko in Kauf. Nicht zu vergleichen mit dem, „was schon Max Weber als sterile Aufgeregtheit in der Politik bezeichnete“. Womit Al-Wazir Leute meinte, die sich vor dem Computer echauffierten, „aber keinen Deut weit engagieren“.

Problematisch sah Carsten Görig die Rolle von Monopolfirmen. Die Diskussion um Eingriffe seitens des Staates lenke etwa von Google ab, „deren Ziel es ist, Gedanken der Nutzer aufzunehmen, um damit Geld zu machen“. Es dürfe nicht sein, „dass eine Firma bestimmt, wer was im Internet findet“.

Al-Wazir mühte sich zu vermeiden, „wie ein kulturpessimistischer Mahner zu wirken“. Seine Kinder dürften jedoch nur die Sendung mit der Maus im Fernsehen sehen, womit er die Kritik eines Zuhörers auf sich zieht. „Das sind doch Konzepte aus den 70er Jahren“, führt der Mann als Gegenargument ins Feld. Letztendlich attestiert der Politiker dem Internet eine ähnliche Wirkung wie dem Fernsehen: „Die Klugen werden klüger und die Dummen dümmer.“

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