Die Tücke im farbigen Detail

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Offenbach - Was Petra Ferenczy zu Ohren kam, das konnte sie kaum glauben. „Es geht am Wilhelmsplatz um Farben“, sagt die Verwaltungsangestellte verwundert, die ausgerechnet bei der Offenbacher Polizei arbeitet. Von Fabian El Cheikh

Und weil sie mit ihrem Fahrzeug offenbar auf der falschen Farbe stand, hätte sie dort nicht parken dürfen. „Wo aber sind denn die unterschiedlichen Farben?“, fragt sie sich. So richtig farbig ist allein das Knöllchen, das später auf der Windschutzscheibe ihres Autos prangte. Und zehn Euro teuer.

Auf der einen Farbe darf man parken, auf der anderen nicht. So teilte es ihr das Ordnungsamt mit, nachdem Petra Ferenczy schriftlich Beschwerde gegen das Verwarnungsgeld einlegte. ,„Ja, sind die denn verrückt geworden?“, entrüstet sie sich – und steht mit ihrer Meinung keineswegs allein da. „Eine Überarbeitung und Verbesserung der Situation in allen Bereichen“, mahnt Claudia Euler-Schmidt in einem Brief ans Ordnungsamt an.

Auch Wirte am Wilhelmsplatz sind stinksauer, weil Gäste mit ständigen Verwarnungsgeldern vergrault würden. Seit der Neugestaltung der schönsten Offenbacher Quadratmeter verstünden viele die dortige Parksituation gar nicht mehr. Youssef El Machit, Betreiber des Restaurants „Tafelspitz und Söhne“, spricht wohl für alle Kollegen, wenn er unterstreicht, dass „sehr, sehr viele Gäste“ erbost sind. Ein Zustand, der auch ihm nicht gefallen kann.

„Üble Abzocke“

Üble Abzocke wittert längst nicht nur Petra Ferenczy, die zunächst gar nicht wusste, warum sie ein Knöllchen bekam, obwohl sie doch scheinbar völlig richtig stand. „Ich habe mir noch am selben Abend sämtliche Schilder angeschaut, die dort aufgestellt sind, aber nichts erkennen können, was einen Strafzettel rechtfertigt“, schrieb sie an die Stadtverwaltung. „Das scheint mir ja eine tolle Einnahmequelle der Stadt zu sein. Tatsache ist jedoch, dass die Parksituation eine einzige Katastrophe ist.“

Das sehen die Verantwortlichen freilich anders. Für das Ordnungsamt, das betont, nicht verstärkt auf Jagd nach Parksündern zu sein, ist die rechtliche Situation einfach: Beide befahrbare Seitenstreifen des Wilhelmsplatzes sind verkehrsberuhigte Zone. „Und wie jeder Autofahrer wissen sollte, darf in so einer Zone nur auf ausgewiesenen Flächen geparkt werden“, sagt Jan Schmidbauer von der Straßenverkehrsbehörde.

Viele Autofahrer machten es sich zu einfach und achteten nicht auf solche Regeln. „Wenn man’s sehen will, sieht man’s auch.“ Jeder sei verpflichtet, auch mal 100 Meter zurückzulaufen, um einen Blick auf Verkehrsschilder zu werfen.

„Das ist doch alles reine Willkür“

Ausgewiesen sind die Parkflächen und -streifen entlang des Platzes zwar durch Schilder und hellgraue Markierungen auf dem Asphalt beziehungsweise auf dem Pflaster in der Platzmitte. Dass es sich aber um eine verkehrsberuhigte Zone mit all ihren verkehrsrechtlichen Fallstricken handelt, entgeht vielen Autofahrern – gerade auch Ortsfremden. Wer etwa von der Bleichstraße nach Norden auf den Platz abbiegt, wird das Schild, das auf die Verkehrsberuhigung hinweist, kaum wahrnehmen. Er wird eher die zahlreichen Passanten im Auge behalten, um ja keinen zu übersehen.

Ebenso sorgen die kaum wahrnehmbaren hellen Flächen und die bereits verwitternden weißen Winkel, die aufgrund früherer Beschwerden nachträglich aufgebracht wurden, eher für Verwirrung als Aufklärung. „Nirgendwo steht, auf welcher Farbe ich parken darf“, klagt Ferenczy. Gerade der innere Streifen auf der östlichen Seite des Platzes (in Höhe des Tafelspitz) erwecke doch den optischen Eindruck, dass genau dort geparkt werden dürfe. Spätestens dann, wenn erstmal ein oder zwei Fahrzeuge dort stünden: „Der Streifen ist erhöht, hat einen anderen Belag und ist genauso konzipiert, wie eben Parkstreifen aussehen.“

Selbst bei Tageslicht brauche man eine enorme Vorstellungskraft, um zu verstehen, warum auf einem extra angelegten Streifen nicht geparkt werden dürfe. Geschweige denn in nächtlicher Dunkelheit. „Um das zu verstehen, braucht man schon einen Lehrgang“, empört sich Petra Ferenczy. „Das ist doch alles reine Willkür, oder?“

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