„Persönliches bewirkt viel“

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Mahmut Yigit engagiert sich als Sadtverordneter in Sachen Integrationspolitik.

Offenbach - „Ich bin ein typisches Gastarbeiterkind“, sagt Mahmut Yigit. „Mein Opa ist Analphabet, mein Vater spricht nur gebrochen Deutsch.“ Von Veronika Szeherova

Er selbst wuchs in Offenbach auf als dritte Generation türkischer Auswanderer, hat ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium und arbeitet mit 27 Jahren in einem Frankfurter Wirtschaftsprüfungs-Unternehmen. Seit März 2011 sitzt er fürs Forum Neues Offenbach im Stadtparlament.

Eine untypische Karriere für ein „typisches“ Gastarbeiterkind? „Ich hatte Glück, das richtige Elternhaus zu haben. Es war meiner Familie wichtig, dass ich Bildung bekomme“, sagt Yigit. Dieses „Glück“ werde aber lange nicht allen Einwanderer-Kindern zuteil, selbst wenn sie die entsprechenden Fähigkeiten besäßen. „Wenn das Elternhaus der Bildung keinen Stellenwert einräumt und man an die falschen Freunde gerät, ist es schwierig, sich in die richtige Richtung weiterzuentwickeln.“

„Alle Ausländer über einen Kamm“

Die Folgen davon könne man täglich in Offenbach sehen – Gruppen von Jugendlichen, die durch ihr Verhalten negativ auffallen. „Das sehen die Leute, und scheren dann alle Ausländer über einen Kamm“, bedauert der Bürgeler. „Wegen dieser Minderheit leidet die Mehrheit der Migranten.“ Denn die meisten jungen Zuwanderer hätten erkannt, wie wichtig Bildung ist. „Besonders die Mädchen sind sehr fleißig und strebsam.“ Doch Vorurteile seien schwer aus den Köpfen zu bekommen. „Gerade bei den älteren Deutschen, die nur die erste Zuwanderer-Generation kennen, die kaum Deutsch konnte“, so Yigit. „Es gibt Leute, die wundern sich, wenn ein Mädchen mit Kopftuch einen geraden deutschen Satz hinbekommt.“

Integrationspolitik liegt ihm deshalb seit Beginn seiner politischen Laufbahn besonders am Herzen. „In einer Stadt mit über 50 Prozent Migrantenanteil müsste sie im Rathaus einen noch höheren Stellenwert bekommen.“ Positiv beurteilt er das Projekt Modellregion Integration, an dem Offenbach sich seit 2010 beteiligt. „Es hat sich positiv auf die Arbeit vieler ausländischer Vereine ausgewirkt.“ So veranstaltete etwa die griechische Gemeinde einen Gesundheitstag, die alevitische Gemeinde setzte sich mit dem deutschen Rechts- und Bildungssystem auseinander, andere Vereine bieten Hausaufgabenbetreuung an. Doch es gebe nach wie vor viel zu tun. „Die Vereine sind oft zu passiv.“ Es mangele an jungen Leuten, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, bei der älteren Generation reichten manchmal die Sprachkenntnisse nicht. „Das Kulturfest der Nationen oder das Mainuferfest sind schön, aber es muss noch mehr geben“, findet der Stadtverordnete.

Zum Jahresende läuft das Projekt aus

Zum Jahresende läuft das Projekt aus. Yigit ist besorgt, was danach passiert. „Fällt die Unterstützung für die Migrantenvereine wegen des städtischen Sparzwangs weg?“ Um diese Gesellschaftsgruppe weiter zu unterstützen und eine erfolgreiche, Integrationspolitik zu betreiben, sei ein starkes Team in der Verwaltung notwendig. „Die Integrationspolitik muss nachhaltiger werden,“ so Yigit. Als geeignetes Mittel sieht er mehr Präsenz städtischer Mitarbeiter an Ort und Stelle – direkt bei den Vereinen: „Das muss die Stadt nicht mal viel Geld und Aufwand kosten. Wenn ein Mitarbeiter sich einmal in der Woche Zeit nimmt, um die Vereine persönlich zu besuchen, hat dies mehr Nutzen als zehn E-Mails zu schreiben.“ Ähnlich sei es in der Elternarbeit. „Ein persönliches Gesicht zu zeigen kann viel bewirken.“ Und, so hofft der überzeugte Offenbacher, längerfristig das Image der Stadt verbessern.

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