An der Rowentastraße

Eine der modernsten TÜV-Prüfstellen in Hessen

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Alles in Ordnung bei zwei wahren automobilen Schätzchen, urteilt der TÜV: sowohl beim Mercedes 170 Cabrio Baujahr 1953...

Offenbach - Die Kfz-Prüfer müssten um ihre Zulassung fürchten, weil die Kalibrierung ihrer Messgeräte nicht ausreichend dokumentiert sei, orakelt der „Spiegel“. Von Thomas Kirstein 

...als auch beim 1955 gebauten BMW 501. Darüber freuen sich beider „Pfleger“ Hanns-Peter Thierack und die TÜV-Männer Andreas Kämpf (rechts) sowie Ralf Martin.

Es geht nur um eine sehr formale Anforderung auf EU-Ebene, die Messgenauigkeit ist stets gegeben, hält der TÜV Hessen dagegen. In dessen Service-Center an der Rowentastraße geht der rege Betrieb denn auch unbeeindruckt von medialer Aufregung weiter. Es ist ein internes Lob, was aber dessen Weitergabe nicht hindert: „Offenbach ist unsere Paradeprüfstelle“, lässt Andreas Kämpf, beim TÜV Hessen als Niederlassungsleiter Rhein-Main für 13 Einrichtungen zuständig, während eines Besuchs wissen. Dass der Mann ein echter Offenbacher ist, soll das Urteil nicht schmälern. Die Anlage mit ihrer Glasfassade zur Waldstraße hin ist eine der modernsten des staatlichen Unternehmens in Hessen. Auf drei Hebebühnen und in einer Grube können bis zu fünf Prüfer gleichzeitig inspizieren. Lange und seit Autofahrergedenken war der Bierbrauerweg Synonym für den TÜV in Offenbach. Dort hatten zudem Generationen von Fahrschülern ihre theoretische Prüfung abgelegt (nach wie vor ist jeder technische Prüfer gleichzeitig Führerscheinprüfer). Im März 2008 war der Umzug in direkte Nachbarschaft unserer Zeitung vollendet. „Die Wettbewerbssituation hatte sich verändert, wir wollten näher ran an die Kunden“, erläutert Kämpf. Die Lizenz zur Haupt- und Abgasuntersuchung teilen sich sechs Regional-TÜVs mit Organisationen wie Dekra, GTÜ oder KÜS.

Peter Leukel ist seit 2009 Prüfstellenleiter in Offenbach und damit der Chef eines, wie er sagt, „jungen und dienstleistungsorientierten Teams“. 20 Mitarbeiter sind es, darunter 15 amtlich anerkannte Sachverständige, von Haus aus Maschinenbau-Ingenieure oder Kfz-Meister mit Zusatzausbildung. „Wir sind Lichtjahre vom TÜV entfernt, wie man ihn aus den 70er und 80er Jahren kennt“, findet Leukel. Will sagen: Es ist keine Einrichtung mehr, zu der man so gern fährt wie zum Zahnarzt und wo der Spruch „Bis dass der TÜV uns scheidet“ als Menetekel droht. Heute sind endgültige Scheidungen eher selten. Ralf Martin, alter Hase beim Offenbacher TÜV, weiß, warum das unter anderem so ist: „Die jungen Leute heute müssen keine Käfer mehr vor Schrottplatz retten, um mobil zu sein.“ Er kennt sich bestens aus. „Zum TÜV gehören eigentlich nur Leute, die ihn früher erfolgreich beschissen haben.“ Auch angesichts unbestechlicher – und aktuell wichtig: exakt geeichter – Apparaturen dürfte das Tricksen heutzutage freilich ungleich schwerer fallen. Aber auch damals wäre der Offenbacher Spitzenreiter des Jahres 2015 kaum durchgekommen: Dessen Pkw wies 27 Einzelmängel auf. Gewissen Horror verbreiten zudem von der Polizei zwangsweise vorgeführte Fahrzeuge. Häufig sind das Busse aus Osteuropa; ein Lkw wurde wegen gebrochener Bremsscheiben und ausgerissener Achsaufhängung erstmal stillgelegt.

An der Rowentastraße gibt es jährlich 14 000 Hauptuntersuchungen und Nachprüfungen. Zum Portfolio gehören auch Begutachtungen von Fahrzeugänderungen oder die Abnahme von Neufahrzeugen, Oldtimern und Abgasuntersuchungen sowie Bewertungen von Gebrauchtfahrzeugen. Bei unserem Besuch haben wir gerade einen Wasserwerfer des hessischen Polizei verpasst, treffen aber Kfz-Meister Hanns-Peter Thierack, der zwei von ihm betreute wahre Schätze einer Offenbacher Familie routinemäßig checken lässt. Ergebnis: Alles okay beim beige-schwarzen Mercedes 170 Cabrio aus dem Jahr 1953 und beim BMW 501 von 1955. Der Liebhaberwert des Benz, verrät der Schrauber aus der Schreberstraße, dürfte fünfstellig sein.

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Ganz sicher fünfstellig ist der Kilometerstand des Audi A8, mit dem Norman Fraatz zur Rowentastraße gekommen ist. Er nutzt das Angebot des TÜV, mitgebrachte Gebrauchtwagen vor dem Kauf gegen Gebühr unter die Lupe zu nehmen. Dazu gehört beispielsweise eine Lackschichtenmessung, die verrät, ob es einen Unfallschaden gab. „Wir geben aber keine Empfehlung, stellen nur objektiv fest, was dran ist, der Kunde muss es für sich interpretieren“, sagt Prüfstellen-Chef Leukel. Ob sich Fraatz die 276.000-Kilometer-Limousine als Zweitwagen geleistet hat, entzieht sich der Kenntnis. Seine Wertschätzung hingegen nicht. „Die sind alle sehr freundlich und zuvorkommend hier“, lässt der Offenbacher ungefragt und unbestellt wissen.

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