Verhandlung im Fall Tugce Albayrak

Anästhesist des Klinikums mit schweren Vorwürfen gegen Notarzt

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Darmstadt/Offenbach - Am achten von zehn Verhandlungstagen im Fall Tugce Albayrak hat ein Anästhesist des Offenbacher Klinikums schwere Vorwürfe gegen den behandelnden Notarzt erhoben.

Der achte von zehn angesetzten Verhandlungstagen am Landgericht Darmstadt im Fall Tugce Albayrak hat mit der Ablehnung des Befangenheitsantrags gegen den Richter begonnen. Dies war wenig überraschend, wurden dem Antrag der Verteidigung vom Angeklagten Sanel M. schon vorab wenig Chancen eingeräumt. In der heutigen Verhandlung selbst sagte dann der Anästhesist des Offenbacher Klinikums aus. Er erhob schwere Vorwürfe gegen den behandelnden Notarzt. Wie die „Fuldarer Zeitung“ aus dem Gerichtssaal berichtete, sei er der Meinung, dass Tugce im Rettungswagen unbedingt hätte intubiert werden müssen.

Auch dass sich Tugce gewehrt und die Zähne zusammengebissen habe, sei ein Zeichen auf erhöhten Druck in ihrem Kopf. Somit richten sich seine Vorwürfe vor allem an den Notarzt: „Der Notarzt muss immer damit rechnen, dass sich etwas dramatisch ändert“, sagte der Anästhesist laut „Fuldaer Zeitung“. „Hätte der Notarzt wie vom Rettungsdienst protokolliert ein Schädel-Hirn-Trauma festgestellt, hätte Tugce gar nicht zu uns ins Krankenhaus gedurft“, sagte der Anästhesist. Einen Grund nannte er auch: Die Klinik habe neurologisch und intensivmedizinisch keine Kapazitäten gehabt.

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Außerdem verlas die Kammer mehrere Urteile des Amtsgerichts Offenbach aus den zurückliegenden Jahren, in denen Sanel M. bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten war. Er erhielt Verwarnungen, Jugendarrest und musste soziale Arbeit leisten. Unter anderem hatte Sanel M. einem Jungen unvermittelt ein erhitztes Feuerzeug in den Nacken gedrückt. In anderen Fällen brach er mit Freunden einen Kiosk auf und nahm anderen Handys ab. Ein Mitarbeiter des Jugendamtes Offenbach berichtete vom schulischen Werdegang des Angeklagten und den Verhältnissen in seinem Elternhaus. Die Eltern hätten sich Rat geholt, weil Sanel M. Schwierigkeiten gemacht habe. Lehrern gegenüber sei er respektlos gewesen. Sanel M beendete die Hauptschule mit Abschluss.

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Zur Überraschung der Kammer wollte der Mitarbeiter keine Einschätzung abgeben, ob Sanel M. in seiner Entwicklung eher als Erwachsener oder als Jugendlicher zu sehen sei. Wenn Sanel M. nach Jugendstrafrecht verurteilt wird, ist eine Bewährungsstrafe möglich. Der Vertreter des Jugendamtes riet aber zu einer Therapie. Sanel M. habe mitunter Probleme, Folgen von Gewalt einzuschätzen. „Ich denke, dass er die Opfer-Perspektive nicht besonders gut einnehmen kann.“

dpa/dani

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