Erinnerungs-Mahnwache für Tugce geplant

Trauer und Wut im und am Klinikum Offenbach

+
"RIP" (Ruhe in Frieden) steht in Erinnerung an den Übergriff auf Tugce A. auf einem Banner vor dem McDonald's Restaurant in Offenbach. Auch am Klinikum wird getrauert.

Offenbach - Mit Gebeten, Blumen und Geschenken nehmen die Menschen Anteil am Schicksal von Tugce A. Seit die Studentin für hirntot erklärt wurde, bekunden Freunde und Fremde ihr Mitgefühl. Ein Flur im Offenbacher Klinikum ist ihr Treffpunkt. Auch die Stadt Offenbach meldet sich zu Wort.

Auf dem Fußboden stehen Blumensträuße, an den Wänden hängen bunte Plakate. „Gute Besserung“, hat jemand auf einen gelben Zettel geschrieben und aufgeklebt. Ein „Unser Beileid“-Schnipsel hängt neben dem Wunsch „Kraft für die Familie“. Zusammen mit unzähligen Aufklebern in Deutsch und Türkisch umrahmen die Zettel drei Fotos der Studentin, die Opfer einer brutalen Prügelattacke wurde. Wie ein letzter Gruß zeigen die Bilder Tugce A. als fröhliches Mädchen mit Gießkanne in der Hand, stolz in Festkleidung und als strahlende junge Frau.

Vier Kommilitoninnen von der Uni Gießen sind am Donnerstag in die Offenbacher Klinik gekommen, um ihrer Mitstudentin zu gedenken. Ihr Weg führt vorbei am Weihnachtsbasar in die erste Etage. Dort bleiben die vier still vor den Plakaten stehen. Über Gefühle wollen die Frauen nicht sprechen, aber in ihren Augen glänzen Tränen.

Die offenbar in engem Kontakt mit der Familie stehende türkische Zeitung „Sabah“ berichtet von hunderten Menschen, die kommen, um der Familie aus der türkischen Stadt Yozgat beizustehen. Ihr Vater wird zitiert: „Tugce hat immer vorbildlich gehandelt. Zwei Tage vor diesem Vorfall hat sie einer alten Dame geholfen, die auf der Straße hinfiel. Sie holte die Erste-Hilfe-Tasche, versorgte ihre Wunden und brachte sie nach Hause. Sie war sehr reif für ihr Alter.“ Der 48-Jährige kam als kleiner Junge nach Deutschland: „Ich habe drei Kinder. Zwei Söhne und meine Tugce. Ich habe immer für sie gearbeitet. Ich habe mein ganzes Geld in die Ausbildung meiner Kinder gesteckt, damit sie einen Beitrag für dieses Land, das wir als Heimat sehen, leisten können. Tugce wollte Lehrerin werden. Sie hatte Träume, wollte sich verloben. Ich werde immer stolz auf sie sein.“ Wie bekannt wurde, hatte sie einen Organspendeausweis bei sich. So wie auch ihr Vater. „Nach Tugces Tod werden ihr die Organe entnommen, um Leben zu retten“, schreibt die Zeitung.

„Mutter sitzt Tag und Nacht am Bett“

Lesen Sie dazu auch:

Spieler setzen Zeichen

Tipi: Sie ist für mich ein Vorbild

Tausende trauern um Tuğçe

Fall Tugce A.: Mitgefühl und Solidarität im Netz

Eltern wollen Geräte abschalten

Tugce A. verliert Kampf gegen den Tod

18-Jähriger Schläger schweigt

500 Menschen bei Mahnwache

Zweite Mahnwache geplant

Fall Tugce A.: Heftige Kritik an McDonalds-Mitarbeitern

Tugçe A. weiter in Lebensgefahr, Zeugen gesucht

Junge Frau brutal ins Koma geprügelt

Ein in der Klinik arbeitender Sozialpädagoge kommt regelmäßig zu dem Raum, in dem sonst die Familie der 22-Jährigen seit dem schrecklichen Geschehen am 15. November zusammengesessen hat. Bis in die Nacht hinein hätten alle getrauert, berichtet der Mann. „Aber die Mutter sitzt Tag und Nacht am Bett. Jetzt bestimmt auch“, glaubt er. Die Angehörigen halten sich bedeckt: „Ja, wir sind traurig und wütend“, sagt der Ehemann einer Cousine von Tugce A., bevor seine Frau zum Weitergehen drängt. Manche klammern sich an einen Strohhalm: „Ihr Herz schlägt noch. Für uns Moslems ist jemand erst tot, wenn sein Herz nicht mehr schlägt“, sagt ein türkische Geschäftsmann, der den Fall über die sozialen Medien verfolgt hat.
Er gibt dem Personal des Schnellrestaurants, auf dessen Gelände Tugce A. mutmaßlich von einem 18-Jährigen geschlagen wurde, eine Mitschuld an dem Geschehen. Damit steht er nicht allein. „Was ich nicht kapier', ist, dass der McDonald's nichts gemacht hat“, sagt ein Klinik-Patient. Er möchte der Familie der jungen Frau eine Miniaturkrippe als Zeichen der Anteilnahme überreichen. Der Vater einer Tochter ist aber auch sauer auf die Justiz: „Die Typen kommen immer davon. Die Gesetze müssen schärfer werden.“

Ein junger Mann bringt frische Blumen vorbei. Dann geht er in die Hocke und verharrt im stillen Gebet. Er habe Tugce nicht gekannt, sagt Taufi, aber ihrem Tun gebühre Respekt. In Gedanken seien er und seine Kumpel bei ihr. Tugce soll nach Ansicht von Verwandten und Freunden in einem Akt von Zivilcourage versucht haben, einen Streit in dem Schnellrestaurant zu schlichten. Sie war nach Zeugenaussagen zwei Mädchen zur Hilfe geeilt, die im Toilettenbereich von mehreren jungen Männern, darunter dem mutmaßlichen Täter, belästigt wurden, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte. Zur Erinnerung an Tugce A. soll am (morgigen) Freitag, es ist ihr Geburtstag, am Abend eine Mahnwache vor dem Klinikum stattfinden. Auf Facebook haben sich in der öffentlichen Veranstaltung „Happy Birthday Tugce“ schon fast 4000 Menschen angemeldet (Stand: 20 Uhr).

Mahnwache für Tugce A.

Mahnwache für Tugce A.

Auch die Stadt Offenbach trauert in einer öffentlichen Mitteilung um die 22-Jährige aus Gelnhausen. „Wir trauern mit der Familie und allen, die Tugce A. gekannt haben“, sagte Bürgermeister Peter Schneider. Er drückte der Familie persönlich sein Beileid und seine Betroffenheit aus. „Es gehört sicherlich zu den schrecklichsten Erlebnissen, die Eltern widerfahren können, wenn ihre Tochter so plötzlich aus dem Leben gerissen wird“, so Schneider. „Als Vater zweier etwa gleichaltriger Kinder fährt mir bei dem Gedanken an das Leid und die Schmerzen der Familie ein Schauer durch den Körper. Wir sind in Gedanken und Gefühlen bei ihr.“

„Wenn eine Konfliktsituation im öffentlichen Raum zu einem gewaltsamen Übergriff eskaliert, ist das absolut inakzeptabel“, so der Bürgermeister. „Der Tod von Tugce A. ist eine schmerzhafte Mahnung, weiterhin alle denkbaren Anstrengungen im Bereich der Gewaltprävention zu unternehmen. Die Bevölkerung und die Verantwortlichen in der Stadt Offenbach stehen ein für eine Kultur der Toleranz und des gegenseitigen Respekts. Wir dulden nicht, dass dieses Prinzip gewaltsam missachtet wird.“

dpa/dr

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion